Die Wahrheit über die Entrückung

Eine Überschrift die anfängt mit „Die Wahrheit über …“ bietet ja in der Regel alles Mögliche, selten die Wahrheit. Die Wahrheit ist, wir schauen uns die Inhalte trotzdem an, zu reizvoll ist die Aussicht, der Wahrheit doch ein Stück näher zu kommen, stimmt’s? 

Bei meiner Suche nach der Wahrheit über die Entrückung habe ich Überraschendes entdeckt.

Die Entrückung ist ja ein wesentlicher Teil der Vorstellung, die Apokalypse könne jeden Moment losgehen. Gemäß dieser Lehre geht dem Tausendjährigen Reich eine Zeit schlimmster Drangsal voraus, unter der Herrschaft des Antichristen. Die gläubigen Christen werden vor, während oder nach dieser Trübsalszeit in die Wolken entrückt. In einem einzigen Augenblick verschwinden sie von der Erde und ziehen mit Jesus in den Himmel.

Ich erinnere mich gut an die Angst früher, als Kind: Was wäre, wenn die Entrückung ohne mich stattfindet? Und die Angst, was passiert mit meinen Klassenkameraden, die Gott nicht ernstnehmen?

Ich kenne keinen, der mit der Entrückungslehre aufgewachsen ist und nicht mindestens eine Geschichte hat, wie er als Kind mal verzweifelt die Eltern gesucht hat, aus Angst, er wäre alleine zurückgeblieben und nun schutzlos dem Antichristen und den übelsten Katastrophen der Geschichte ausgeliefert.

Diese Unsicherheit, die einen immer verfolgt: Wird man wirklich dabei sein, wenn es soweit ist?

Und das Damoklesschwert über den jungen Frauen in Matthäus 24,19: „Besonders schlimm wird diese Zeit für schwangere Frauen sein und für Mütter, die ihre Kinder stillen.“

Kann man diese Worte Jesu für die jetzige Zeit ernstnehmen und trotzdem Kinder in die Welt setzen?

Was Gläubigen ab der Lebensmitte vielleicht eine willkommene Perspektive bietet, ist der schlimmste Alptraum denen, die gerne noch ein Leben vor sich hätten. Mit Raum, ihre Träume zu verwirklichen und eine Zukunft zu bauen.

Für mich gab es aufgrund der kursierenden Endzeitlehre keine Perspektive. Wir waren die letzte Generation und ich hatte eben das Pech, eine der ganz Jungen zu sein. Statt Zukunftspläne zu schmieden, galt es nur noch, alles dafür zu tun, um bei der Entrückung dabei zu sein. Denn die stand vor der Tür.

Viele Jahre später, Zeichen der Endzeit waren gekommen und gegangen, ohne das eingetreten war, was die Bibel vermeintlich unserer Generation voraussagt, begann ich, dieser Lehre auf Grund zu gehen.

  • Kurios an der Entrückungstheorie ist, es gibt unter deren Vertreter keinen Konsens darüber, ob sie sich vor, nach oder mitten in der siebenjährigen Trübsal ereignen wird.
  • Noch kurioser: manche Lehrer glauben, nur ein Teil der Christen verschwindet mit der Entrückung. Die Gemeinde geht in den Himmel, einige Heilige bleiben zunächst auf der Erde.
  • Am Kuriosesten: in der kompletten Bibel gibt es keine einzige Stelle, die eine Entrückung der Gläubigen in den Himmel bei einer siebenjährigen Trübsal überhaupt voraussagt.

Überrascht?

Es gibt keine Stelle in der Bibel, die ankündigt, die Gläubigen würden in einem Augenblick in den Himmel transferiert, um dort ein Freudenfest zu feiern, während auf der Erde die weltschlimmsten Katastrophen toben.

Prüfe es nach! Du wirst es in der Bibel nicht finden.

Es gibt lediglich einzelne Verse aus unterschiedlichen Texten, mit denen man versucht, diese Idee zu stützen. Liest man diese Verse aber in ihrem jeweiligen Kontext – so wie man regulär an jeden Text herangeht – welche Aussagen stehen tatsächlich darin?

Nehmen wir 1.Thessalonicher 4,13-19 Dieser Abschnitt wird von Entrückungslehrern am häufigsten angeführt.

Paulus beantwortet darin die Frage, ob bei der Auferstehung die bereits verstorbenen Christen den noch Lebenden im Vor- oder Nachteil sind. Paulus Antwort vom Kommen des Herrn auf einer Wolke beim Schall der Posaune und das Entgegenkommen des Volkes hat eine verblüffende Ähnlichkeit mit 2.Mose:

19,9a Jahwe sagte zu ihm: Pass auf! Ich werde in einer dichten Wolke zu dir kommen, damit das Volk es hören kann, wenn ich mit dir rede, und damit sie dir immer glauben.

19,13b Wenn aber das Horn anhaltend ertönt, dann sollen sie zum Berg kommen!

19,16 Im Morgengrauen des dritten Tages begann es zu donnern und zu blitzen. Eine schwere Wolke lag auf dem Berg, und das überlaute Dröhnen eines Schofar-Horns war zu hören. Das Volk im Lager zitterte vor Angst

24,16 Die Herrlichkeit Jahwes ließ sich auf den Berg Sinai herab. Sechs Tage lang bedeckte die Wolke den Berg. Dann, am siebten Tag, rief Gott Mose aus der Wolke heraus zu sich.

24,18 Jetzt ging Mose in dieWolke hinein und stieg auf den Berg. 40 Tage und 40 Nächte blieb er dort.

34,5 Da stieg der HERR in der Wolke herab, und er trat dort neben ihn und rief den Namen des HERRN aus. 

Paulus beschreibt den Tag des Herrn in Thessalonicher 4 wie das Treffen Jahwes mit seinem Volk in der Wüste. Er hatte die Israeliten zuvor aus der ägyptischen Sklaverei geholt, und war dabei, sie in ihre versprochene Heimat Kanaan zu bringen.  

Ein „Schall der Posaune“ und „Gottes Kommen auf/in einer Wolke“ sind in der Bibel typische Ausdrücke für Gottes Auftreten zu historischen Ereignissen.

Jesaja beispielsweise verwendet dieses Bild in 19,1 „Siehe, der HERR fährt auf einer schnellen Wolke und kommt nach Ägypten. Da beben die Götzen Ägyptens vor ihm, und das Herz Ägyptens zerschmilzt in seinem Innern.“

Biblische Prophetien trafen alle wortwörtlich ein. Wie aber kann wortwörtlich das Herz eines Landes im Innern zerschmelzen? Optisch sichtbar in der physischen Dimension wurden solche Vorhersagen meist durch Kriege und Zerstörung, Plagen und Katastrophen.

Die Herausforderung einer Auslegung besteht also nicht darin, dass die Bibel in Rätseln spricht.

Das eigentliche Problem beim Begreifen biblischer Aussagen ist, dass unsere Auffassung heute anders gestrickt ist. Wir haben nicht die jüdisch-hebräische Betrachtungsweise wie die Autoren vor einigen Tausend Jahren im Vorderorient. Dazu ist unser Verständnis vom Alten Testament oft lückenhaft oder oberflächlich. Deshalb assoziiert unsere Vorstellung etwas Anderes, als die Zielgruppe von Jesaja oder Paulus.

Die Beschreibung von Paulus an die Thessalonicher in Vers 17 hatte außerdem in der Antike auch eine gängige, kulturelle Bedeutung: kehrte ein Herrscher nach längerer Abwesenheit siegreich zurück, dann rückte sein Volk aus, ihm entgegen, um ihn jubelnd zu begrüßen und ihn feiernd beim Einzug in die Stadt zu eskortieren.

Paulus beschreibt den Thessalonichern anschaulich, wie die Christen zu ihrem Herrscher auf Wolken eilen, um ihn zu treffen. Nicht, weil sie dann mit ihm weiter in den Himmel ziehen und von der Erde verschwinden. Sie kommen ihm entgegen, weil sie es nicht erwarten können, für immer mit ihm zu sein.

Eine weitere gern zitierte Stelle ist 1.Korinther 15,51-53 Darin schreibt Paulus über die augenblickliche Verwandlung aus der Verderblichkeit zur Unsterblichkeit. Menschen, die seit Adam zum Sterben verdammt waren, verwandeln sich alle in einem Augenblick, beim letzten Posaunenschall, zu Menschen des ewigen Lebens in Christus. Auch hier, kein Wort über eine Himmelfahrt.

Jesu Worte in Matthäus 24, 40-42 bzw. Lukas 17,34 werden ebenfalls gern zitiert: „der eine wird genommen, der andere wird preisgegeben.

Jesus sagt mit keinem Wort, das „Genommen-werden“ bedeute eine Himmelfahrt der Christen. Jesus sagt nichtmal, es werde jeweils der Gläubige genommen und der Ungläubige werde zurückgelassen!

In seiner kompletten Endzeitrede erwähnt Jesus nirgends ein Verschwinden der Christen von der Erde. Im Gegenteil, er gibt praktische Tipps, wie sie aus dem umzingelten Jerusalem entkommen können und wohin sie dann fliehen sollten, nämlich in die Berge. Damit sie den Holocaust überleben, der bald kommen würde.

Eine Entrückung steht auch nicht in der Parallelstelle in Lukas 17,22-37. Bitte prüfe es nach!

Wie ein „Genommen-werden“ in der Praxis wahrscheinlich ausgesehen hat, darüber findest du mehr im Artikel „Endzeit- echt jetzt?“

Die Apokalypse wurde von den Kirchenvätern und Reformatoren wie Martin Luther, Johannes Calvin, John Wesley, Charles Spurgeon, Thomas Newton als längst vergangenes Ereignis gesehen, das im Holocaust 70 nach Christus mündete.

In der christlichen Historie bis ins 19. Jahrhundert hinein wurde keine kommende Endzeit gelehrt. Es gab zwar Einzelne in der Westkirche, die sich ein übernatürliches Entkommen aus der gefallenen Welt vorstellten, doch ein Konzept, bei dem die Gläubigen in einem globalen Ereignis hoch in die Atmosphäre gezogen zu werden, um im Himmel die Wiedervereinigung mit zu Jesus feiern, während auf der Erde der Teufel los ist, das wurde erst in den 1830er Jahren durch John Nelson Darby und Edward Irving formuliert. Sie verbreiteten ihre Lehre bei Reisetätigkeiten. Fatalerweise riet Darby den Gläubigen, wegen der nahenden Erfüllung sich nicht mehr in Politik oder Bildung einzubringen, sondern sich aus der Welt zurückzuziehen.

C.I. Scofield war ein Fan Darbys und er nahm die Lehre 1909 in die Anmerkungen der beliebten Scofield Studienbibel auf. Damit steht die Entrückungslehre zwar auch heute nicht im biblischen Text, aber die Kommentare darunter werden den biblischen Inhalten häufig gleichgesetzt.

Die Endzeittheorie fand im 20. Jahrhundert dadurch Anklang, weil man mit ihr die aktuellen kirchlichen und politischen Ereignisse mit der Bibel erklärte. Plötzlich befand man sich persönlich mittendrin, in einer über 1800 Jahre alten biblischen Prophezeiung. Man war im Buch der Bücher! Obendrein gab die Entrückung die Hoffnung, dem Ärgsten zu entrinnen. Deshalb verbreitete sich die Endzeittheorie während des 2.Weltkriegs besonders erfolgreich.

1995 – 2007 erschien die populäre Romanserie „Left Behind“, auf Deutsch „Das Finale“. Darin malen die Autoren ihre Vorstellung vom Hochbeamen der Christen bunt aus und die fatalen Folgen für die Menschheit. Hollywood verfilmte diese Idee.

Solche Medien, inklusive der Scofield Studienbibel, wirkten entscheidend daran mit, dass Christen sich mehr mit kruden Theorien befassen und ihnen mehr Glauben schenken, als zu prüfen, was wirklich im Bibeltext steht.

Abgesehen davon, dass die Entrückungstheorie nicht biblisch ist, was an diesem Konzept ist so kritisch?

Die Erwartung, von der Welt genommen zu werden, wenn es um sie am Schlimmsten steht, schürt eine pessimistische, weltabgewandte Haltung. Und das steht völlig konträr zum Gebet Jesu für seine Jünger:

Johannes 17, 15 „Ich bitte nicht, dass du sie aus der Welt nimmst, sondern dass du sie bewahrst vor dem Bösen.

Jesus hat seine Nachfolger hier auf der Erde positioniert. Es gibt keinen Grund, warum Jesus 2000 Jahre später seinen Sinn ändern sollte und dann doch selbst aufräumt.

Jesus lehrte zu beten: „Dein Reich komme. Dein Wille geschehe auf Erden wie im Himmel.“

Römer 8,19 -22 „Denn in sehnsüchtigem Verlangen wartet die Schöpfung auf das Offenbarwerden der Söhne und Töchter Gottes. Wurde die Schöpfung doch der Nichtigkeit unterworfen, … nicht ohne die Hoffnung aber, dass auch die Schöpfung von der Knechtschaft der Vergänglichkeit befreit werde zur herrlichen Freiheit der Kinder Gottes.“

Die Bestimmung des Menschen ist nicht der Rückzug in den Himmel. Der Bestimmungsort als Mensch ist die Erde. Hier liegt unser Auftrag. Hierher sind wir berufen, um die Welt für Jesus einzunehmen. Dies ist der Ort, um den Himmel und Hölle kämpfen.

Selbst das Neue Jerusalem kommt vom Himmel auf die Erde. Nicht umgekehrt:

Offenbarung 21,2-3 „Und ich, Johannes, sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabfahren, bereitet als eine geschmückte Braut ihrem Mann. Und ich hörte eine große Stimme von dem Stuhl, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein.“

Offenbarung 11,15 besagt: „Und der siebente Engel posaunte: und es wurden große Stimmen im Himmel, die sprachen: Es sind die Reiche der Welt unsers HERRN und seines Christus geworden, und er wird regieren von Ewigkeit zu Ewigkeit.“

Ich persönlich halte die Idee, dieser Welt zu entwischen, statt sie nach dem Vorbild des Himmels zu transformieren, für eine perfide List des Feindes, der um jeden Preis Gottes Pläne sabotieren will.

Er nutzt dafür die bewährte Strategie, Gottes Worte zu zitieren und ihren Sinn zu verdrehen. So wie ganz am Anfang bei Adam und Eva im Garten.

So wie er es drei Mal bei Jesus in der Wüste versuchte.

Und zweifellos bei zahlreichen anderen Gelegenheiten.

Ein Tipp für dich: Wenn du gut recherchierte Videos über Endzeitthemen suchst, empfehle ich dir den Youtube Kanal „Simple Endzeit“. Was die Entrückung betrifft, finde ich vor allem dieses Video hervorragend.

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