Wer war eigentlich der Antichrist?

Was haben Napoleon, der Papst, Barrack Obama, Adolf Hitler und Bill Gates gemeinsam?

Genau. Sie alle wurden schon heiß als Kandidaten gehandelt.

Wer auch nur am Rande mit der biblischen Endzeit konfrontiert wird, kommt am Mythos vom Antichrist nicht vorbei. Was steht tatsächlich über ihn in der Bibel, was kennzeichnet den Antichrist?

Im Buch der Offenbarung steht über ihn  – nichts.

Wenn der Antichrist in der Offenbarung nicht auftaucht, woher kommt dann die häufige Annahme?

Der Antichrist wird oft mit dem „Tier“ aus der Offenbarung gleichgesetzt. Und mit dem „Mann der Gesetzlosigkeit“ aus dem 2.Thessalonicherbrief. Auch schon mal mit „Gräuel der Verwüstung“ in Matthäus 24.

Ist das nicht immer derselbe?

Suchen wir die Stellen heraus. Du wirst feststellen, die Beschreibungen vom Tier, vom Mensch der Gesetzlosigkeit und vom Antichrist unterscheiden sich erheblich voneinander.

  • Der Mensch der Gesetzlosigkeit, Widersacher, je nach Übersetzung auch „Mensch der Sünde“, „des Frevels“, „Sohn des Verderbens“ wird erwähnt im 2. Brief an die Thessalonicher 2,3-10

Zunächst: Paulus schrieb diese Zeilen nicht in deutsch oder englisch. Er schrieb sie in altgriechisch, somit an reale Menschen seiner Zeit. Es schrieb Christen in Thessaloniki, die er persönlich kannte. Weil er den Brief an sie adressiert hat, ist nicht davon auszugehen, dass er Botschaften für Fremde in einigen Tausend Jahren darin verschlüsselte oder Rätsel aufgab, die für die Thessalonicher gar nicht lösbar waren. Viel wahrscheinlicher hat Paulus seine Worte so gewählt, dass seine Leser sie verstehen würden.

Wen könnte Paulus gemeint haben?

  • Die Titulierung „Mensch der Sünde“ oder „Sohn des Verderbens“ passt hervorragend zu Kaiser Nero.

Es ist kaum ein Mensch bekannt, der sich grausamer verhielt als Nero. Er tötete sogar eigene Familienmitglieder, einschließlich seiner schwangeren Frau. Er hat zahlreiche Christen zu Tode gefoltert und die Anrede „Allmächtiger Gott“ und „Retter“ gefordert.  

  • Eine weitere Möglichkeit den „Sohn des Verderbens“ zu interpretieren, ist nicht eine Einzelperson, sondern die Menschheit in ihrem sündigen Zustand. Es gibt zahlreiche Bibelstellen, die zwei Arten von Mensch gegenüberstellt: den in Sünde Gefangenen und der Erlöste. Der Alte Mensch und der Neue Mensch. Der in Adam ist und der in Christus.

Was mir für diese These aber im Text fehlt, ist die kontrastierende Darstellung eines „Menschen der Gerechtigkeit“. Vielmehr nennt der Paulus über den Mensch des Verderbens noch diese bedeutsamen Hinweise:

Vers 4 „Er wird sich über alles erheben, er wird sich in den Tempel setzen und vorgeben Gott zu sein“… 6-7 „Jetzt wisst ihr, was ihn noch aufhält, bis er offenbart wird zu seiner Zeit. Denn das Geheimnis des Frevels ist bereits wirksam; nur muss der, der es jetzt aufhält erst hinweggetan werden. “ Dieser Mensch war also schon aktiv am Werk.

  • Die Beschreibung passt zu Johann ben Levi

Auch Yohannan von Gischala genannt, war ein Führer der Zeloten, die in den 50er und 60ern des 1.Jhdt. versuchten, die römische Regierung zu stürzen. Er lehnte sich sowohl gegen die römische als auch gegen die jüdischen Gesetze auf.

Johann ben Levi stiftete die Juden zu Aufständen gegen die Römer an, wurde jedoch von den Priestern und insbesondere den Hohepriester Hannas daran gehindert. Hannas, der mit diplomatischen Geschick zwischen Juden und Römers vermittelte, könnte mit demjenigen gemeint sein, der den „Sohn des Frevels“ aufhielt.

Johann ben Levi stachelte darauf die Idumäer an, mit 20.000 Soldaten gegen Jerusalem zu ziehen. Bei dem großen Massaker töteten sie 8.000 Menschen, darunter auch den Hohepriester Hannas. Johann ben Levi brachte den Tempel unter seine Kontrolle und entweihte ihn. So gesehen setzte er sich an die Stelle Gottes im Tempel.

Dies macht Johann ben Levi zu meinem Hauptverdächtigen.

Dennoch, wen Paulus tatsächlich mit dem „Mann der Gesetzlosigkeit“ meint, lässt sich nicht mit absoluter Sicherheit festlegen. Es war die Zeit größter Bedrängnis und es gab zahlreiche böse, gewalttätige Herrscher. Im Grunde könnte es ein uns heute unbekannter Anführer gewesen sein.

Das „Tier“ aus Offenbarung 13

Tatsächlich wird dort nicht nur DAS Tier beschrieben, es sind genaugenommen zwei Tiere. Zusammengefasst steht da: Ein Tier kam aus dem Meer, hatte zehn Hörner und sieben Häupter und auf seinen Hörnern zehn Kronen und auf seinen Häuptern lästerliche Namen. Seine Gestalt glich einem Panther, seine Füße die vom Bären und sein Rachen einem Löwen. Der Drache gab dem Tier seinen Thron und Macht über alle Stämme, Sprachen und Nationen und alle betete es an. Es lästerte gegen Gott und die Seinen, 42 Monate lang.

Es erschien ein weiteres Tier aus der Erde, tat wundersame Dinge und verführte die Menschen, das erste Tier anzubeten und ihre Unterwerfung an ihrer Hand oder ihre Stirn zu kennzeichnen. Die Zahl des Tieres war 666.

Die Beschreibung der beiden Tiere passt im Wesentlichen zur römischen Weltherrschaft. Aber sie entspricht nicht der biblischen Beschreibung vom Antichrist.

  • Der Antichrist ist also nicht das „Tier“ aus Offenbarung 13.
  • Der Antichrist veranlasste auch nicht „das Zeichen des Tieres“.
  • Er war nicht „der Mensch der Gesetzlosigkeit“ aus 2.Thessalonicher 2.
  • Der Antichrist war auch nicht der „Greuel der Verwüstung“ aus Matthäus 24, denn aus der Parallelstelle in Lukas 21,20 geht hervor, Jesus meinte damit Truppen, die Jerusalem umzingeln würden.

Wer war der Antichrist dann?

Das Wort Antichrist wird ausschließlich von Johannes genannt und nur in seinen beiden Briefen. Nicht in der Offenbarung.

Folgende vier Stellen gibt es über den Antichrist:

1.Joh. 2,18 … wie ihr gehört habt, dass der Antichrist kommt, sind jetzt viele Widersacher Christi aufgetreten

1.Joh. 2,22 … Das ist der Antichrist, der den Vater und den Sohn leugnet.

1.Johannes 4,1-3 … viele falsche Propheten sind hinausgegangen in die Welt. Daran erkennt ihr den Geist Gottes: Ein jeder Geist, der bekennt, dass Jesus Christus im Fleisch gekommen ist, der ist von Gott; und ein jeder Geist, der Jesus nicht bekennt, der ist nicht von Gott. Und das ist der Geist des Antichrists, von dem ihr gehört habt, dass er kommen werde, und er ist jetzt schon in der Welt.

2.Johannes 1,7 Denn viele Verführer sind in die Welt hinausgegangen, die nicht bekennen, dass Jesus Christus im Fleisch gekommen ist. Das ist der Verführer und der Antichrist.

Anmerkung: im griechischen Text fehlt der Artikel beim Wort Antichrist. Die Artikel wurden erst in den Übersetzungen eingefügt. Somit lässt sich nicht mal bestimmen, ob es überhaupt eine Person war oder vielmehr eine Gesinnung, ein Geist?

Johannes charakterisiert „Antichrist“ mit: Leugnen, dass Christus im Fleisch gekommen ist.

Was hat es damit auf sich?

Im 1. Jahrhundert verbreitete sich der Gnostizismus, eine esoterische Bewegung.

Gnostiker glaubten an Erlösung durch höhere Erkenntnis.

Sie teilten die Welt in geistlich = gut, erstrebenswert und in physisch = verdorben. Sie lehrten deswegen, man müsse „im Geist“ leben.

Sie hatten mystische Ansichten und sie glaubten, man brauche ein geheimes/exklusives Wissen, um Gott wirklich zu erkennen und auf höhere Level zu steigen. Ein Prinzip, das irgendwie nicht aus der Mode gekommen ist.

Weil das Physische/Körperliche schlecht ist, konnten sie nicht akzeptieren, Gott wäre in Fleisch und Blut gekommen. Sie behaupteten, Jesus sei rein menschlicher Herkunft und bei seiner Taufe wäre ein himmlischer Geist, genannt „der Christus“ auf ihn gekommen und habe ihn bei der Kreuzigung wieder verlassen. Gnostiker glaubten, Jesus hätte einen Weg gezeigt, die Sklaverei der verdorbenen physischen Welt zu überwinden. In einem Satz: sie verkündeteten ein falsches Evangelium.

Der Apostel Johannes war über die Verbreitung dieser Irrlehre so entsetzt, dass er in seinen Schriften wiederholt darauf einging und ausführlich darlegte „Gott war das Wort und das Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns“, sowie „was wir mit unseren Augen gesehen haben und unsere Hände betastet haben“.  

Johannes gibt dem Leser im 21. Jahrhundert keine Personenbeschreibung. Alle vier Stellen besagen, dass viele Antichristen im 1.Jahrhundert aufgetreten ist. Für Johannes ein Beweis, dass es die letzten Stunden waren, vor dem Ende des Zeitalters, welches Jesus vorausgesagt hatte.

Kinder, es ist die letzte Stunde, und wie ihr gehört habt, dass der Antichrist kommt, so sind auch jetzt viele Antichristen aufgetreten; daher erkennen wir, dass es die letzte Stunde ist. 1.Joh. 2,18

jetzt ist er schon in der Welt 1. Joh. 4,1

sind in die Welt hinausgegangen 1. Joh. 4,3

sind in die Welt hinausgegangen 2.Joh. 1,7

Resümee:

  • Ein großer Teil des Mythos wurzelt darin, den Antichrist aus den Johannesbriefen mit dem Tier aus der Offenbarung und dem Mann der Gesetzlosigkeit aus dem Thessalonicherbrief zu einer einzigen Person zu verschmelzen. Auch wenn sie alle bösartig waren, sie waren nicht derselbe Mensch. Genauso wenig wie Stalin und Hitler und Faschismus.   
  • Der Mensch der Gesetzlosigkeit könnte einer von zahlreichen bösen Herrschern im 1. Jhdt. gewesen sein. Vielleicht war es Johann ben Levi von Gischala, vielleicht war es Nero.
  • Man kann die historischen Belege akzeptieren und dennoch auf einen Antichrist warten, an der Spitze der Einen-Welt-Ordnung. Wer dies aber mit der Bibel begründet, liegt falsch. Denn es gibt in der Bibel keine Stelle, die das aussagt. Es werden lediglich einzelne Aussagen gemixt, um ein solches Konzept zu stützen.

Fazit: Christen, die den historischen Kontext studiert haben, wissen, dass Johannes vehement gegen die Lehren der Gnostiker vorging. Johannes charakterisiert „Antichrist“ als das Leugnen der göttlichen Herkunft Jesu und dass er in einem Körper aus Fleisch und Blut gelebt und gewirkt hat.

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