Wie die Alten Griechen das Christentum bis heute prägen

Der Christenheit wird gern rückständiges Denken vorgeworfen. Zum Beispiel, dass im Mittelalter die Kirche sich gegen die Erkenntnis gewehrt hat, dass die Erde eine Kugel ist, die sich um die Sonne dreht. Doch ihre Überzeugung, die Sonne umkreise die Erde, entstammte tatsächlich nicht der Bibel, sondern Plato und Aristoteles.

Nun, wie kam es zu dieser Vermischung?

Dieser Artikel handelt nicht davon, ob und wer Irrlehren in Umlauf brachte und welche das vielleicht wären. Menschen sind nicht objektiv. Wahrnehmung und Einsichten durchlaufen die Filter unserer Prägungen. Ziel dieses Artikels ist, dafür zu sensibilisieren.

In diesem Beitrag findest du geschichtliche Zusammenhänge und einige christliche Dogmen, die ich näher der Griechischen Philosophie zuordne, als den Jüdisch-Hebräischen Wurzeln der Bibel.

Seit Beginn des Christentums haben zahlreiche Gelehrte sich mit den biblischen Schriften befasst und sie interpretiert. Dass sie aufrichtig bestrebt waren, den Glauben der Apostel zu bewahren, dass sie gewisslich nach Erkenntnis der Wahrheit suchten, steht für mich außer Frage. Ebenso, dass sie ehrlich danach trachteten, Gott in seinem Wesen besser zu begreifen.

Die Lehren der prominenten Theologen beeinflussen bis heute in hohem Maße christliches Denken und Dogmen. Die Inhalte ihrer Thesen lassen sich ohne weiteres im Netz und entsprechender Literatur recherchieren.

Weil griechische Philosophie in christlichen Kreisen kaum thematisiert wird, erkennen wir oft nicht, wenn sie uns im christlichen Mäntelchen begegnet. Werden die Jüdisch-Hebräisch konzipierten Schriften der Bibel mit griechischer Systematik gedeutet, fällt uns Westeuropäern das Paradoxe daran gar nicht auf. Diese Denkweise ist unbewusst in uns verankert. Davon abgesehen ist uns das Jüdisch-Hebräische auch kaum geläufig.

Das braucht uns nicht zu erschrecken, denn Gottes Herz bleibt jedem offen, der sich aufrichtig für ihn interessiert (siehe Jeremia 29,13-14a). Und ich bin überzeugt, Gott kündigt niemandem die Vaterschaft, aufgrund einzelner theologischer Fehleinschätzungen oder Irrtümer. Sonst würde Jesus wohl ein Einzelkind bleiben.

Tatsache ist aber, dass unser theologisches Verständnis unsere Gottesbeziehung lenkt. Deshalb stellt sich die Frage, inwieweit Griechisch-Hellenistische Vorstellungen unser Gottesbild verzerren,  christliche Lehren verfärben und damit Zugang und Beziehung zu unserem himmlischen Vater unnötig belasten.

Griechische Philosophie ist den Lehren der Bibel nicht immer diametral entgegengesetzt. So einiges lässt sich durchaus überein bringen. Wollen wir jedoch das eine vom anderen sauber trennen, müssen wir die Grundlagen der nicht-von-Gott inspirierten Quellen kennen.

Historie

Nicht nur das Christentum, bereits das Judentum ist nicht unbeeinflusst geblieben von fremden Einflüssen.

Palästina wurde unter Alexander dem Großen etwa 332 vor Christus Teil des griechischen Weltreichs. Die Kontakte zu ihren neuen Eroberern wirkte sich tiefgreifend auf das religiöse Denken der Juden aus und Griechisch-Hellenistisches Gedankengut sickerte in die jüdische Bildung ein.

Vom Hohepriester Jason beispielsweise wird berichtet, er habe 175 v. Chr. eine griechische Lehranstalt in Jerusalem gegründet, um das Studium der Werke Homers zu fördern.

Philo, ein Jude im 1.Jhdt. v. Chr. übernahm Lehren Platons (4.Jhdt. v. Chr.) welcher Pythagoreer und Stoiker war. Philos Ansichten wirkten sich nachhaltig auf die Juden aus.

Der jüdische Schriftsteller Max Dimont fasste die Unterwanderung der jüdischen Kultur durch das Eindringen griechischen Gedankenguts folgendermaßen zusammen: „Durch platonisches Gedankengut, aristotelische Logik und euklidisches Wissen bereichert, traten jüdische Gelehrte mit neuem Rüstzeug an die Thora heran. . . . Sie gingen dazu über, der jüdischen Offenbarung griechische Vernunftschlüsse hinzuzufügen.“

Mit der Zeit ging das Griechische Weltreich im Römischen auf, welches viele Griechische Ideologien übernahm. Während die vormals heidnischen Christen in den ersten Jahrhunderten zerstreut im Römischen Reich lebten, war die Welt also Greco-Romanisch geprägt.

Mit der Hinwendung zum Christentum wurde ihre Mentalität nicht augenblicklich komplett ausgetauscht. Ein Sinneswandel beginnt in der Regel mit einem einschlägigen Erlebnis und entwickelt sich dann progressiv, gemäß den neuen Erkenntnissen. Wo es aber noch keine neuen Erkenntnisse gab, integrierte sich das christliche Welt-und Gottesverständnis in das Vorhandene.

Im 3.Jhdt. nach Christus hatten die philosophischen und religiösen Lehren von Denkern, die bestrebt waren die Vorstellungen Platons weiterzuentwickeln, konkrete Formen angenommen. Heute insgesamt als Neuplatonismus bekannt. Diese Weltanschauung über die Trennung von geistlicher und materieller Welt, über Wahrheit, Zeit, Seelenlehre und Ethik sollte auch das Christentum nachhaltig beeinflussen.

Desweiteren stützte die frühe Kirche sich nicht auf das Alte Testament in Hebräisch, sondern auf die griechische Septuaginta, später auch auf die lateinische Vulgata. Allein durch die Sprache wurden  Inhalte leicht griechisch-hellenistisch und altrömisch modifiziert.

Das Gottesbild der Kirche formierte sich im Laufe der Jahrhunderte zum „Unbewegten Beweger“. Unbewegt im Sinne von emotionslos, zeitlos, unveränderlich, unvergänglich. Diese Vorstellung fußt auf den Lehren des Aristoteles.

Diese Sichtweise spiegelt sich auch wieder in der Bauweise der Kirchen. Dieser Gott  lebte in riesigen Kathedralen aus massiven Wänden und gewaltigen, hohen Türmen. Er ließ sich anbeten in ruhigen, festgelegten lateinischen Gebeten und Gesängen. Noch heute erleben wir die Auswirkung davon. Die allgemeine Reaktion in Kirchen ist, dass Menschen still werden und in sich kehren.

Griechische Philosophie wurde im Lauf der Geschichte zum Grundstein für theologische Betrachtungen. Theologie und Philosophie wurden die Königsklasse der Bildung im späten Mittelalter. Zur Zeit der Reformation gab es etwa 80 Universitäten in Europa, allesamt gegründet und gefördert durch den Klerus. Wissenschaft entwickelte sich in Europa deswegen so erfolgreich, weil die Kirche die Ressourcen und die Plattform dafür bot. 

Beispiele

Augustinus, einer der einflussreichsten Kirchenväter und Theologen aus dem 4. Jhdt. gehört zu denen, die das christliche Gedankengut entscheidend geprägt haben. Er hatte griechische Philosophie studiert und übernahm Lehren Plotins, welcher getreuer Interpret der Lehren Platons und Gründer und Vertreter des Neuplatonismus war.

Augustinus Denkweise gründete Glaubenskonzepte seit dem 5. Jhdt. in der Katholischen und später auch der evangelischen Kirche. Er erschloss zahlreiche theologische Themen und wurde besonders bekannt durch seine Abhandlung von der Erbsünde. Er war der Auffassung, dass die Sünde Adams durch Vererbung in die Menschheit eingedrungen sei. Augustinus Lehren von der Erbsünde stachen besonders heraus im Streit gegen den asketischen Mönch Pelagius, der glaubte, dass jedes Baby vorerst unschuldig sei.

Augustinus Sicht setzte sich durch, wobei die Kirche es etwas abschwächte, indem sie die Meinung vertrat, dass Menschen zwar Adams sündige Natur geerbt hätten, aber nicht seine Schuld.

Augustinus schrieb weiterhin ein Buch über den „Gottesstaat“. Die Zerstörung der irdischen, zeitlichen Reiche wären Grundvoraussetzung für den Triumph des himmlischen Reiches auf Erden. Es half den damaligen Christen den Zerfall des Römischen Reiches zu überwinden und gab ihnen neue Zuversicht.

In der New Encyclopædia Britannica wird über Augustinus gesagt: „In seinem Geist verschmolz die Religion des Neuen Testaments am vollständigsten mit der platonischen Überlieferung der griechischen Philosophie; und durch diesen wurde auch das Ergebnis der Verschmelzung an die christliche Welt des mittelalterlichen Katholizismus und des Protestantismus der Renaissance weitergegeben.“

Fraglos war Augustinus ein großer Verfechter und Lehrer des christlichen Glaubens. Doch seine dualistische Grundauffassung begrenzte manche seiner Gedankengänge. So wie die Vorstellung einer vom Körper getrennten Seele aus dem Plotinismus. Professor E. W. Hopkins sagt über Plotin: „Seine Theologie . . . übte keinen geringen Einfluss auf die Führer der christlichen Bewegung aus.“ Plotin bezeichnete die Materie als schlecht. Er hielt sie für das Schlechteste von allem und auch für die Ursache der Schwäche und Schlechtigkeit der einzelnen Seelen, die sich der Materie zuwenden und dadurch geschwächt werden.

Diese bipolare Anschauung und Herabwürdigung von Materie, Körper und Seele steht im Gegensatz zur Ganzheitlichkeit des Jüdisch-Hebräischen, welche Körper, Seele und Geist nicht in Einzelteile dividiert, sondern als Eins ansieht. Auch trennt das Jüdisch-Hebräische nicht die Bereiche von Natürlich und Übernatürlich.

Thomas von Aquin, bekannt für seine logischen Gottesbeweise, war ein weiterer der einflussreichsten Philosophen und bedeutenden Kirchenlehrer. Die Synthese antiker Philosophie und christlicher Dogmatik wird ihm zugeschrieben (s. Wikipedia)

Auch Martin Luther war ein Kind seiner Zeit. Mit seiner akademischen Laufbahn ebenso wie später als Augustinermönch wurde er mitgeprägt vom griechisch-hellenistischen Konzept Gottes.

Weiterhin sein Zeitgenosse Johannes Calvin im 16.Jhdt., der zunächst Römisches Recht studiert hatte, sich dann für humanistische Studien begeisterte und großer Reformator Westeuropas wurde. Auch er beschrieb Gott als den Unbeweglichen, Unveränderlichen und ohne Zeit Existierenden, für ihn gäbe es weder Gegenwart noch Zukunft. Diese „christliche“ Vorstellung findet sich so nicht in der Bibel, sondern basiert ursprünglich auf Lehren Platos, Aristoteles und Sokrates.

Beispiel: Die Souveränität Gottes

Die Souveränität Gottes als Ursache aller Dinge wurde ein weiterer, wichtiger Leitgedanke des Calvinismus.

Johannes Calvin definierte sie, dass nichts geschähe ohne Wissen und die Erlaubnis Gottes. Gott sei die einzige Quelle für alles und damit auch verantwortlich für alles was in der gesamten Welt geschieht. Damit hat er die Kontrolle und Steuerung über jeden, und alles, was sich im gesamten Universum vollzieht.

Daraus folgend gibt es für alles und jedes eine Vorsehung, eine Prädestination. Manche sind demnach Auserwählte, manche sind es nicht. Und es gäbe niemanden und nichts, das Gott davon abhielte, von der Vorherbestimmung abzuweichen.

Wenn dem so ist, wäre ja auch jede Fürbitte hinfällig, denn das Ergebnis stünde ohnehin fest.

Die Bibel lehrt klar, dass Gott sich in seinem Wesen nicht wandelt. Sein Charakter ist beständig und er hält sich treu an sein Wort. s. 4.Mose 23,19

Manche seiner Vorsätze hingegen hat Gott im Lauf der Geschichte geändert. Nämlich dann, wenn Menschen ihre Haltung änderten. Viele Stellen der Schrift beschreiben wie Gott Zerstörung ankündigte, als Folge von kollektiver Sünde. Doch die Fürbitte seiner Vertrauten und die Umkehr des Volkes ließ ihn umstimmen.

Folgende Schriftstellen belegen dies: 2.Mose 32,14; 2.Mose 33,1–3 + 12-14 4.Mose 16,20–35 1.Könige 21,21–29; 2.Chronik 12,5–8; Jeremia 26,2–3, V. 19; Amos 7,1–6; Jona 3,10

Betrachten wir beispielsweise den Abschnitt in 2.Mose 32,9-14 als Gott gerade den Bund am Sinai geschlossen hatte und unmittelbar darauf das Volk ein Kalb aus ihrer edlen Beute gegossen hatte und dieses anbetete.

Gott, der HERR rastete aus vor Zorn und sagte zu Mose, dass er das Volk vernichten will. Aus Mose wolle er nun eine neue Nation machen (wir entdecken mehrere Parallelen zu Abraham. Und Mose war hier bereits 80 Jahre alt)

Mose jedoch flehte den HERRN, seinen Gott an und argumentierte mit ihm. Und es steht geschrieben: Da gereute den HERRN das Unheil, von dem er gesagt hatte, er werde es seinem Volk antun.

Mose und Abraham (s. 1.Mose 18,20ff) lebten in einer Haltung zu Gott und zur Welt, die sie veranlasste mit Gott zu verhandeln, um drohendes Unheil abzuwenden. Gleichwohl sie wussten, dass sie selbst verschont bleiben würden. Und Gott ging offen auf ihre Argumente ein.

Auch heute gibt es immer wieder apokalyptische Prophetien. Manche reagieren darauf, indem sie diese verbreiten, abwarten und zuschauen. Sie erwarten, dass die Welt sich immer mehr zum Schlimmen entwickelt.

Doch die oben aufgeführten Schriftstellen bezeugen, dass es nicht nur möglich, sondern vielmehr unsere Aufgabe ist, durch Fürbitte und Umkehr dies abzuwenden! Damit sorgen wir zugleich dafür, dass die besten Absichten Gottes auf Erden umgesetzt werden. So wie bereits im Himmel.

Souveränität Gottes kann auch ausgelegt werden, als dass Gott niemandem Rechenschaft schuldig ist. Der Unterschied liegt darin, dass Gott alles verursachen kann, wenn er es will. Er könnte zweifellos auch alles und jeden ständig kontrollieren und steuern, denn seine Möglichkeiten sind grenzenlos.

Nach meinem Schriftverständnis hat er sich entschieden, dies nicht zu tun. Er legte Naturgesetze fest und überließ vieles in der Schöpfung dem Lauf dieser Gesetzmäßigkeiten und Prinzipien wie Schwerkraft, Photosynthese, Saat und Ernte, Physik, Optik etc.

Die Regierung über seine Schöpfung übertrug er dem Menschen. Siehe Psalm 115,16 Der Himmel ist der Himmel des HERRN, die Erde aber hat er den Menschenkindern gegeben.

Fazit:

Der Calvinismus ebenso wie die Lehren des Augustinus, Thomas von Aquin und zahlreicher Lehrer sind methodisch wie systematisch exzellent durchdachte Theorien.

Doch manche ihrer Hypothesen haben ihren Ursprung weniger in biblischen Schriften, als eher in philosophischen Gedanken über Gott. Ihre Prägung beeinflusste ihre Interpretation der Schrift.

Sie mögen brillieren mit bemerkenswerten Gedanken, scharfsinnigen, teils gar außerordentlich hoch komplexen Ausführungen. Doch dies allein besagt noch nicht, dass sie auch immer den Kern getroffen hätten.     

Lass dich anregen, deine eigene Dogmen, aber auch Lehrmeinungen zu prüfen, gemäß  1.Thessalonischer 5,20-21 Weissagungen verachtet nicht, prüft aber alles, das Gute haltet fest!

Wäge ab, was davon weiterhin Bestand hat in deiner Beziehung zu deinem himmlischen Vater.

3 Antworten auf “Wie die Alten Griechen das Christentum bis heute prägen”

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