Biblische Texte besser verstehen – inwieweit hilft dir die Suche im Urtext?

Du möchtest eine biblische Schriftstelle genauer beleuchten und vergleichst dazu mehrere Übersetzungen. Doch welche der zahlreichen Bibelübersetzung ist urtexttreu und welche drückt sich verständlich aus?

Du analysierst im Text die markanten Worte und deren Bedeutung, vielleicht mittels Duden und recherchierst auch den Urtext. Doch welche Aufschlüsse ergeben sich aus dem griechischen und hebräischen Wortlaut?

In diesem Beitrag erfährst du folgende Eck-Fakten

  1. darüber was der biblische Urtext ist
  2. wie Sprache und Kultur sich auf Text und das Textverständnis auswirken
  3. über sprachliche Besonderheiten des Hebräischen

1. Wusstest du, dass es nicht „den einen“ Urtext gibt?

Originale Fassungen der biblischen Schriften gibt es nicht mehr, dafür zahlreiche Abschriften. Das hängt damit zusammen, dass die jüdischen Gemeinden ihre Schriftrollen, wenn sie durch langen Gebrauch brüchig wurden, in der Regel vernichtet haben. Die heute erhaltenen handschriftlichen Bibeltexte stammen aus späteren Jahrhunderten, sind mehrheitlich griechisch und weichen, was den genauen Wortlaut angeht, vielfältig voneinander ab. Wie kam das?

Mit der Eroberung Palästinas durch Alexander dem Großen verbreiteten sich Griechisch-Hellenistische Bildung und Kultur auch unter den Juden, vor allem durch das Fortschreiten der Diaspora. Es entwickelte sich ein hellenistisches Judentum. Um sowohl Juden wie Zugezogenen eine gemeinsame Basis für theologische Betrachtungen zu schaffen, begannen jüdische Gelehrte um 250 v. Chr. mit der Übersetzung in die damals vorherrschende Weltsprache Griechisch. Ihr Werk ist die Septuaginta.

Als das Römische Weltreich das Griechische ablöste, wurde vieles aus der griechisch-hellenistischen Kultur und Philosphie übernommen, als Sprache setzte sich Latein durch. Daher wurden die biblischen Schriften im 4. Jahrhundert aus dem Griechischen übersetzt, das Werk ist die Vulgata. Berücksichtigt wurden dabei vermutlich auch Hebräische Schriften, um maximale Genauigkeit zu gewährleisten.

Den einen originalen Urtext der Bibel, gibt es heute also nicht mehr. Nur viele, äußerst ähnliche Fassungen aus verschiedenen Epochen und geschrieben in unterschiedlichen Sprach- und Denkkonzepten, die als Basistexte herangezogen werden. Für eine akkurate Analyse eines Wortes, vor allem im griechischen Urtext, sind diese Fakten zu berücksichtigen.

2.) Wusstest du, dass Sprache und Weltverständnis sich gegenseitig beeinflussen? Und man von einer Sprache auf Werte und Mentalität des Volkes schließen kann?

Schon die Art, eine Bitte zu formulieren oder jemanden nach dem Weg zu fragen, ist geprägt von der jeweiligen Kultur. Weil Sprache und kulturelle Werte so eng zusammenhängen, werden dir in einem Sprachkurs nicht nur Vokabeln und Grammatik vermittelt, sondern auch kulturelle Besonderheiten.

Wie die Geschichte eines Volkes die Sprache beeinflusst haben, sehen wir am Beispiel des hebräischen Wortes „gala“. Es bedeutet „ins Exil gehen“ und es bedeutet „sich offenbaren“. Diese Doppelbedeutung lässt sich interpretieren als „in Krisen sein wahres Gesicht zeigen“.

Übersetzungen sind ein Transfer in nicht nur andersartige Grammatik, sondern auch in eine andere Kultur und Lebensweisen. Der Inhalt nimmt dabei eine andere Tönung an. Es ist letztendlich nicht dasselbe wie das Original, sondern Etwas der anderen Kultur Entsprechendes. Wieweit sich dies inhaltlich auswirkt hängt davon ab, wie groß die Unterschiede in Sprache und Weltbild sind.

Beispiel: In der Septuaginta heißt es in 1.Mose 1,1 Im Anfang machte der Gott den Himmel und die Erde.

Mit dem bestimmten Artikel grenzte man „Elohim“ (wörtlich: „Götter“) als einzigen und alleinigen Gott vom Alt-Orientalischen und Griechischen Polytheismus ab.

Auch „der Himmel“ als Einzahl ist ein typisch griechischer Ausdruck, während das hebräische Wort für Himmel eine Pluralform ist. Akkurat hieße es demnach „die Himmel“.

Die Schreiber des Neuen Testaments verfassten ihre Schriften in Griechisch, denn im 1.Jhdt. waren unter den ersten Christen sowohl griechischsprachige Juden wie auch griechische Hellenisten. Ihre Zitate aus dem Alten Testament waren aus der griechischen Septuaginta oder auch aus dem Gedächtnis.

Dies erklärt, warum wir in unseren Bibeln Anmerkungen finden über unterschiedliche Wortlaute und warum Textstellen im Neuen Testament, die das Alte zitieren, nicht den exakt selben Wortlaut haben.

Obwohl das Neue Testament in Griechisch niedergeschrieben wurde, bleibt zu beachten, dass die Verfasser aus einem Jüdisch-Hebräischen Kontext stammten und auch so in ihrer Denkweise geprägt waren.

Deshalb ist bei der Urtextanalyse nicht nur der griechische Ausdruck wesentlich, sondern vor allem das hebräische Äquivalent.

3. Sprachlichen Besonderheiten des Hebräischen

Das Alt-Hebräische ist eine reine Konsonantenschrift, deren Aussprache nur möglich wird durch Hinzufügen von Vokalen.

Im erweiterten Sinne erinnert dies an die Aussage, dass der Buchstabe tot ist und erst der Geist ihn recht zum Leben erwecken kann. Zumal im Hebräischen Wort, Tun und Ereignis dasselbe heißen, nämlich „dabar“. Wenn also jemand etwas ausspricht, hat das Gesagte auch eine reale Auswirkung. Siehe Schöpfungsbericht 1.Mose 1.

Die Vokalisierung der Worte ist frei. Zugleich ist die Vokalisierung aber entscheidend für die genaue Bedeutung. Es ist, wie wenn im Deutschen „LBN“ stehen würde. Es kann dann sowohl „lieben“ als auch „leben“ als auch „loben“ und „laben“ bedeuten. Aufschluss gibt letztlich der Textzusammenhang.

Eine weitere sprachliche Besonderheit im Hebräischen ist, dass die Grundform Verben sind und Nomen sich davon ableiten. Das Griechische funktioniert umgekehrt, dessen Grundform sind die Nomen und davon werden die Verben abgeleitet.

Was sagt dieser sprachliche Aspekt über die beiden Mentalitäten aus?

„Die dynamische Denkart der Hebräer verraten besonders ihre Verben, deren Grundbedeutung immer eine Bewegung oder Wirksamkeit ausdrücken. … Das bewegungslose, starre Sein (im Griechischen ist) den Hebräern ein Nichts …; es existiert nicht für sie, nur ein Sein, das in innerer Verbindung mit etwas Aktivem, sich Bewegendem steht, ist ihnen eine Realität. Das statische Sein als prädikative Aussage ist eine in Ruhe übergegangene Bewegung, sofern es überhaupt dem hebräischen Denken zum Bewusstsein kommt.“ (Thorleif Boman in seinem Buch „Das Hebräische Denken im Vergleich mit dem Griechischen“)

Ein Beispiel aus Jesaja 40,8 Das Gras ist verdorrt, die Blume ist abgefallen; aber das Wort unseres Gottes bleibt in Ewigkeit!

Im Hebräischen steht bei „bleibt“ das Wort „qum“, das bedeutet wörtlich „aufstehen“. Somit lässt sich die Aussage im Hebräischen deuten als „dieses Wort ist lebendig, effektiv, es ist wirksam. Es steht auf und es setzt sich durch“ siehe Psalm 33,9 Denn er sprach, und es geschah; er gebot, und es stand da.

Ohne fundierte Kenntnisse der Sprachzusammensetzung, grammatikalischen Besonderheiten, aber auch der Kultur, des historischen Rahmens und der Mentalität ist eine akkurate Auslegung kaum möglich. Vor allem das mangelhaftes Hintergrundwissen der Jüdisch-Hebräischen Kultur hat bereits allerlei Verwirrung, sonderbare Theorien und manchen Streit verursacht.

Hervorragendes Beispiel dafür ist das Gleichnis vom sogenannten unehrlichen Verwalter, den Jesus lobt, siehe Lukas 16, 1-9

Fazit:

  1. Die originalen Niederschriften gibt es nicht mehr, dafür zahlreiche, äußerst ähnliche Abschriften aus unterschiedlichen Epochen und Übersetzungen in verschiedenartige Sprach-, Kultur- und Denkkonzepte.
  2. Mentalität, Sprache und Kultur bedingen sich gegenseitig. Die Botschaft der Bibel bleibt in ihren Kernaussagen natürlich dieselbe. Doch mehr Licht in schwer verständliche Textstellen bringen Kenntnisse über die damals herrschenden Gegebenheiten, Kultur, den geltenden Bund und Besonderheiten der sprachlichen Ausdrucksweise.
  3. Eine Übersetzung ist nicht dasselbe wie das Original. Es ist etwas Entsprechendes in der anderen Kultur. Daher ist bei der Urtextanalyse nicht nur der griechische Ausdruck relevant, sondern vor allem das Hebräische Äquivalent.
Eine abschließende Frage an dich : Als was betrachtest du die Bibel?

Ist es eine Anleitung für dein Leben? Suchst du darin nach Antworten in deiner aktuellen Situation? Ist es ein Liebesbrief Gottes an die Menschheit? Ist sie ein Gesetzbuch?

Suchst du darin nach einer Formel, um ein Problem zu lösen? Eine Sicherheit dafür, dass Gott deine Bitte erfüllt? Oder möchtest du einfach mehr über Gottes Persönlichkeit erfahren? Was erwartest du ernsthaft, wenn du die Bibel liest?

Nach 2.Timotheus 2,16-17 ist die Schrift von Gott inspiriert. Sie lehrt uns die Wahrheit zu erkennen, überführt uns von falschem Gedanken-und Verhaltensmustern, sie erzieht uns zu einem gesunden Lebensstil, damit wir für unsere Aufgaben und Herausforderungen gerüstet sind (frei interpretiert).

Eine Formel, beispielsweise zur Gebetserhörung, findet sich darin nicht. Aber es findet sich darin sehr viel über Gott in Beziehung zu Menschen. Und darüber, wie Menschen mit Gott interagierten und mit ihren Mitmenschen.

Die Bibel beschreibt Gott in seiner kraftvollen, faszinierenden, kreativen, hochintelligenten, warmherzigen und gerechten Persönlichkeit. Sie offenbart seine Mentalität und seine Werte.

Und doch ersetzt das Lesen der Bibel nicht das persönliche Erleben und die Beziehung zu unserem Schöpfer und Vater.

Genauso wenig, wie du einen Prominenten kennenlernst, indem du alles über ihn recherchierst. Wenn du der Person irgendwann gegenüberstehst und ihr die Hand reichst, wird alles, was du bis dahin theoretisch über ihn oder sie wusstest, sich relativieren. 

5 Antworten auf “Biblische Texte besser verstehen – inwieweit hilft dir die Suche im Urtext?”

  1. Danke für den guten und differenzierten Artikel über die Texte der Bibel und die Kunst der Übersetzung. Ich möchte nur eine Anmerkung hier einfügen, du schreibst, „Den einen originalen Urtext gibt es nicht mehr. Es gibt zahlreiche, äußerst ähnliche Schriften aus unterschiedlichen Epochen und verschiedenartigen Sprach-, Kultur- und Denkkonzepten.“ Das ist meines Ermessens so nicht richtig. Wenn von äußerst ähnlichen Schriften hier gesprochen wird, dann ist das nur möglich wenn man die Originale kennt. Gleichzeitig hast du aber verneint, dass man die Originale kennt. Hier bleibst du schuldig was genau du mit Originalschriften meinst. Hilfreicher wäre es darauf hinzuweisen, dass wir durch die Vielzahl an Schriftfragmenten mehr als das haben, was zum Original gehört. Darum ist es eine wichtige Aufgabe der Textkritik möglichst nahe an den Originaltext zu kommen und das ist durchaus möglich. Wir haben in den hebräischen und griechischen Fassungen, den Texten die den Übersetzungen zugrunde liegen, einen Urtext, der sehr nah am Original ist und darum verlässlich ist.

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    1. Vielen Dank Volkmar, für deine Anmerkung und den Hinweis!
      Was ich mit Originalschriften meine, sind die ersten Niederschriften von ~ 1.500-400 v.Chr. und ebenso die Niederschriften der Autoren des Neuen Testaments. Diese existieren meines Wissens nicht mehr. Die Abschriften, die uns heute vorliegen, ähneln einander außerordentlich, daraus lässt sich schließen, dass sie auch sehr nah am Original sind.
      Meine Intention für diesen Beitrag ist, auf die Wichtigkeit der Kultur und des Denkens hinzuweisen. In Predigten höre ich im Zusammenhang mit Urtext fast immer die Auslegung des griechischen Ausdrucks. Ich halte jedoch das hebräische Äquivalent und welche Bedeutung und Assoziationen es für einen Hebräer hat, für deutlich relevanter.

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  2. Danke für die Klarstellung. Da wir aber nicht wissen welchen Inhalt die Originale haben, ist es schwierig zu sagen dass die Abschriften sich den Originalen ähneln. Es kann genauso gut sein dass wir Abschriften haben die inhaltlich identisch sind mit den Originalen. Und davon gehe ich grundsätzlich aus. Damit meine ich, dass ich keine Fragezeichen setze über die Originaltexte, bzw den Urtext den wir vorliegen haben. Es geht in dem Fall um die Glaubwürdigkeit der Texte die übersetzt werden. Meine Intention ist es grundsätzlich, Menschen Mut zu machen die Bibel selber zu lesen auch wenn sie sich mit den Urtexten nicht auskennen, also weder Hebräisch noch griechisch können und im Bereich Hermeneutik und Exegese Laien sind.

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    1. Da bin ich ganz bei dir! Menschen sollen in jedem Fall gefördert werden, sich mit der Bibel auseinander zu setzen.
      Und es ist keinesfalls der Urtext, den ich in Frage stelle.

      Ich hinterfrage hier vielmehr die Fragestellung, welcher Ausdruck im Urtext steht. Denn nach meiner Auffassung ist die eigentliche Frage hinter der Frage nicht damit beantwortet, welcher Ausdruck im Urtext steht.
      Könnte man jetzt weiter ausführen, dafür müsste man aber einen extra weiten Rahmen setzen.
      Weitere Artikel sind bereits in Arbeit 🙂

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