Welcher Ausdruck steht im Urtext?

Du möchtest eine biblische Schriftstelle genauer beleuchten und vergleichst dazu mehrere Übersetzungen. Doch welche der zahlreichen Bibelübersetzung ist urtexttreu und welche drückt sich verständlich aus?

Du analysierst im Text die markanten Worte und deren Bedeutung, vielleicht mittels Duden und recherchierst auch den Urtext. Doch welche Aufschlüsse ergeben sich aus dem griechischen und hebräischen Wortlaut?

In diesem Beitrag erfährst du Eck-Fakten

  1. über die Relevanz der Sprache auf das Textverständnis
  2. warum die Hebräischen Texte ab 250 vor Christus ins Griechische übersetzt wurden
  3. über sprachliche Besonderheiten des Hebräischen

1. Die Relevanz von Sprache und Kultur auf die inhaltliche Deutung

Soziale und kulturelle Werte einer Gesellschaft offenbaren sich in hohem Maße in der Kommunikation. Die Art, eine Bitte zu formulieren oder jemanden nach dem Weg zu fragen, ist geprägt von der jeweiligen Kultur.

Wer einen Sprachkurs belegt hat, wird festgestellt haben, dass in aller Regel nicht nur Vokabeln und Grammatik vermittelt werden, sondern auch kulturelle Besonderheiten.

Kultur und Sprache bedingen und beeinflussen sich gegenseitig. Von einer Sprache lässt sich auf Weltverständnis, Werte und Mentalität schließen. Hier findest du dazu einen äußerst aufschlussreichen Artikel aus dem Wissensmagazin Spektrum.

Ein Beispiel aus der hebräischen Sprache: „gala“ bedeutet „ins Exil gehen“ und zugleich „sich offenbaren“. Diese Doppelbedeutung lässt sich interpretieren als „durch Krisen sein wahres Gesicht zeigen“.

Die Verfasser der biblischen Schriften waren Jüdisch-Hebräischer Herkunft und ihre Adressaten waren es zum großen Teil ebenfalls. Sie verstanden die Inhalte, denn sie waren mit den Redewendungen und jeweiligen Bedeutungen vertraut, sie kannten auch die geschichtlichen und kulturellen Hintergründe.

Alltagsprachen waren Hebräisch und später auch Aramäisch, doch die biblischen Schriften liegen uns heute vorwiegend in Griechisch vor. Was wir als biblischen Urtext bezeichnen und wovon unsere Bibeln sich ableiten, ist somit nicht der Originalton, sondern ein Transfer in andersartige Sprachkonstrukte und Denkkonzepte.

Damit ist es letztendlich nicht dasselbe wie das Original, sondern Etwas in der griechischen bzw. europäischen Kultur Entsprechendes.

2. Warum man das Alte Testament aus dem Hebräischen ins Griechische übersetzt hat

Ab der Zeit des babylonischen Exils im 6.Jhdt. vor Christus wurde das Aramäische vermehrt zur Alltagssparache. Auch einige Schriften wurden daher ins Aramäische übersetzt. Die Sprache der jüdischen Gottesdienste hingegen blieb Hebräisch. Mit der Eroberung Palästinas durch Alexander dem Großen verbreiteten sich Griechisch-Hellenistische Bildung und Kultur auch unter den Juden, vor allem durch das Fortschreiten der Diaspora. Es entwickelte sich ein hellenistisches Judentum.

Um sowohl Juden wie Zugezogenen eine gemeinsame Basis für theologische Betrachtungen zu schaffen, begannen jüdische Gelehrte um 250 v. Chr. mit der Übersetzung in die damals vorherrschende Weltsprache Griechisch. Ihr Werk ist die Septuaginta.

Die Übersetzer waren im Griechischen bestens unterrichtet und suchten stets nach dem treffendsten Ausdruck, den das Griechische zu bieten hatte. Doch jeder der eine Fremdsprache beherrscht, kennt das Dilemma, dass etliche Worte und Ausdrücke in anderen Sprachen einfach nicht existieren. Wortspiele funktionieren in anderen Sprachen meist nicht, sie verlieren entweder den Klang oder den Sinn.

Wiederum gibt es in jeder Sprache auch Ausdrücke mit einer Vielzahl von Bedeutungen, und der Sinn erschließt sich nur im Kontext.

Beispiel aus dem Deutschen: Das Wort „Läufer“. Was damit gemeint ist, ergibt sich nur aus dem Zusammenhang. Geschieht das Ereignis auf einem Flur, in einer Arena oder auf einem Schachbrett? Geht es um Innenausstattung, um ein Rennen oder geht es um Spieltaktik?

Die Septuaginta spiegelt in ihren sprachlichen Eigenheiten die frühjüdische Schriftauslegung. Sie beeinflusste ihrerseits wieder rabbinische Traditionen. In ihrer Wortwahl zeigen sich hellenistisch-ägyptische Einflüsse und Konzepte.

Beispiel: In der Septuaginta heißt es in 1.Mose 1,1 Im Anfang machte der Gott den Himmel und die Erde.

Der bestimmte Artikel grenzte Elohim (wörtlich: „Götter“) im hebräischen Kontext als einzigen und alleinigen Gott vom Alt-Orientalischen und Griechischen Polytheismus ab. (Quelle: Wikipedia)

Auch „der Himmel“ als Einzahl ist ein typisch Griechischer Ausdruck, während nämlich das hebräische Wort für Himmel eine Pluralform ist. Akkurat hieße es demnach „die Himmel“.

Wegen der sprachlichen Begrenzungen ließen sich leichte Abwandlungen also nicht vermeiden.

Da im 1.Jhdt. unter den ersten Christen sowohl griechischsprachige Juden wie auch griechische Hellenisten waren, verfassten die Schreiber das Neuen Testaments ihre Schriften praktischerweise in Griechisch und zitierten das Alte Testament nach der griechischen Septuaginta oder auch aus dem Gedächtnis.

Dies erklärt, warum wir in unseren Bibeln Anmerkungen finden über unterschiedliche Wortlaute und warum Textstellen im Neuen Testament, die das Alte zitieren, nicht exakt denselben Wortlaut haben.

Als die Römer das Griechische Weltreich ablösten, übernahmen sie viele hellenistische Denkansätze aus Philosophie und Wissenschaft, sprachlich setzte sich schließlich Latein durch. Daher übersetzte Hieronymus im 4. Jhdt. die griechische Septuaginta in Latein. Er zog dabei aber auch den antiken hebräischen Text heran, um eine maximale Genauigkeit zu gewährleisten. Diese Version blieb weit über 1000 Jahre die Basis der Römisch-Katholischen Kirche, während die Griechisch-Orthodoxe Kirche sich größtenteils bis heute an die Septuaginta hält.

Den einen Urtext der Bibel gibt es heute also nicht mehr. Nur viele, äußerst ähnliche Schriften aus verschiedenen Epochen und unterschiedlichen Sprach- und Denkkonzepten, die als Basistexte herangezogen werden. Für eine akkurate Analyse eines Wortes, vor allem im griechischen Urtext, sind diese Fakten zu berücksichtigen.

Obwohl das Neue Testament wahrscheinlich in Griechisch niedergeschrieben wurde, bleibt zu beachten, dass die Verfasser aus einem Jüdisch-Hebräischen Kontext stammten und auch so in ihrer Denkweise geprägt waren.

Deshalb ist bei der Urtextanalyse nicht nur der griechische Ausdruck wesentlich, sondern vor allem das hebräische Äquivalent.

3. Sprachlichen Besonderheiten des Hebräischen

Das Hebräische ist eine reine Konsonantenschrift. Ihre Aussprache wird nur möglich durch Hinzufügen von Vokalen.

Im erweiterten Sinne erinnert dies an die Aussage, dass der Buchstabe tot ist und erst der Geist ihn recht zum Leben erwecken kann. Zumal im Hebräischen Wort, Tun und Ereignis dasselbe heißen, nämlich „dabar“. Wenn also jemand etwas ausspricht, hat das Gesagte auch eine reale Auswirkung. Siehe Schöpfungsbericht 1.Mose 1.

Die Vokalisierung der Worte ist frei. Doch sie ist es , die über die genaue Bedeutung bestimmt. Es ist, wie wenn im Deutschen „LBN“ stehen würde. Es kann dann sowohl „lieben“ als auch „leben“ als auch „loben“ und „laben“ bedeuten. Aufschluss gibt letztlich der Textzusammenhang.

Deshalb bei jeder Wort- und Textbetrachtung: Kontext, Kontext, Kontext!

Und das ist zugleich die anspruchvollste Herausforderung. Ohne fundierte Kenntnisse der Kultur und Mentalität ist eine akkurate Auslegung kaum möglich. Mangelhaftes Hintergrundwissen der Jüdisch-Hebräischen Kultur hat bereits allerlei Verwirrung, sonderbare Theorien und manchen Streit verursacht.

Ein gutes Beispiel dafür ist das Gleichnis vom sogenannten unehrlichen Verwalter, den Jesus lobt, siehe Lukas 16, 1-9

Eine weitere sprachliche Besonderheit im Hebräischen ist, dass die Grundform Verben sind und Nomen sich davon ableiten. Im Gegensatz zum Griechischen, denn deren Grundform sind Nomen. Und von denen werden die Verben abgeleitet.

Was sagt dieser sprachliche Aspekt über die beiden Mentalitäten aus?

In seinem Buch „Das Hebräische Denken im Vergleich mit dem Griechischen“ schreibt Thorleif Boman „Die dynamische Denkart der Hebräer verraten besonders ihre Verben, deren Grundbedeutung immer eine Bewegung oder Wirksamkeit ausdrücken. …

Das bewegungslose, starre Sein (im Griechischen ist) den Hebräern ein Nichts …; es existiert nicht für sie, nur ein Sein, das in innerer Verbindung mit etwas Aktivem, sich Bewegendem steht, ist ihnen eine Realität. Das statische Sein als prädikative Aussage ist eine in Ruhe übergegangene Bewegung, sofern es überhaupt dem hebräischen Denken zum Bewusstsein kommt.“

Ein Beispiel  aus Jesaja 40,8 Das Gras ist verdorrt, die Blume ist abgefallen; aber das Wort unseres Gottes bleibt in Ewigkeit!

Im Hebräischen steht bei „bleibt“ das Wort „qum“, das bedeutet wörtlich „aufstehen“. Somit lässt sich die Aussage im Hebräischen deuten als „dieses Wort ist lebendig, effektiv, es ist wirksam. Es steht auf und es setzt sich durch“

s. Psalm 33,9 Denn er sprach, und es geschah; er gebot, und es stand da.

Fazit:

  1. Mentalität, Sprache und Kultur bedingen sich gegenseitig. Die Botschaft der Bibel bleibt in ihren Kernaussagen natürlich dieselbe. Doch mehr Licht in schwer verständliche Textstellen bringen Kenntnisse über die damals herrschenden Gegebenheiten, Kultur, den geltenden Bund und Besonderheiten der sprachlichen Ausdrucksweise.
  2. Den einen originalen Urtext gibt es nicht mehr. Es gibt zahlreiche, äußerst ähnliche Schriften aus unterschiedlichen Epochen und verschiedenartigen Sprach-, Kultur- und Denkkonzepten.
  3. Eine Übersetzung ist nicht dasselbe wie das Original. Es ist etwas Entsprechendes in der anderen Kultur. Daher ist bei der Urtextanalyse nicht nur der griechische Ausdruck relevant, sondern vor allem das Hebräische Äquivalent.

Eine abschließende Frage: Als was betrachtest du die Bibel?

Ist es eine Anleitung für das Leben? Suchst du darin nach Antworten in deiner aktuelle Situation? Wie manche sagen, ein Liebesbrief Gottes an die Menschheit? Ist sie ein Gesetzbuch?

Suchst du darin nach einer Formel, um ein Problem zu lösen? Eine Sicherheit dafür, dass Gott deine Bitte erfüllt? Oder möchtest du einfach mehr über Gottes Persönlichkeit erfahren? Was erwartest du ernsthaft, wenn du die Bibel liest?

Nach 2.Timotheus 2,16-17 ist die Schrift von Gott inspiriert. Sie lehrt uns die Wahrheit zu erkennen, überführt uns von falschem Gedanken-und Verhaltensmustern, sie erzieht uns zu einem gesunden Lebensstil, damit wir für unsere Aufgaben und Herausforderungen gerüstet sind (frei interpretiert).

Eine Formel, beispielsweise zur Gebetserhörung, findet sich darin nicht. Aber es findet sich darin sehr viel über Gott in Beziehung zu Menschen. Und darüber, wie Menschen mit Gott interagierten und mit ihren Mitmenschen.

Die Bibel beschreibt Gott in seiner kraftvollen, faszinierenden, kreativen, hochintelligenten, warmherzigen und gerechten Persönlichkeit. Sie offenbart seine Mentalität und seine Werte.

Und doch ersetzt das Lesen der Bibel nicht das persönliche Erleben und die Beziehung zu unserem Schöpfer und Vater.

Genauso wenig, wie du einen Prominenten kennenlernst, indem du alles über ihn recherchierst. Wenn du der Person irgendwann gegenüberstehst und ihr die Hand reichst, wird alles, was du bis dahin theoretisch über ihn oder sie wusstest, sich relativieren. 

5 Antworten auf “Welcher Ausdruck steht im Urtext?”

  1. Danke für den guten und differenzierten Artikel über die Texte der Bibel und die Kunst der Übersetzung. Ich möchte nur eine Anmerkung hier einfügen, du schreibst, „Den einen originalen Urtext gibt es nicht mehr. Es gibt zahlreiche, äußerst ähnliche Schriften aus unterschiedlichen Epochen und verschiedenartigen Sprach-, Kultur- und Denkkonzepten.“ Das ist meines Ermessens so nicht richtig. Wenn von äußerst ähnlichen Schriften hier gesprochen wird, dann ist das nur möglich wenn man die Originale kennt. Gleichzeitig hast du aber verneint, dass man die Originale kennt. Hier bleibst du schuldig was genau du mit Originalschriften meinst. Hilfreicher wäre es darauf hinzuweisen, dass wir durch die Vielzahl an Schriftfragmenten mehr als das haben, was zum Original gehört. Darum ist es eine wichtige Aufgabe der Textkritik möglichst nahe an den Originaltext zu kommen und das ist durchaus möglich. Wir haben in den hebräischen und griechischen Fassungen, den Texten die den Übersetzungen zugrunde liegen, einen Urtext, der sehr nah am Original ist und darum verlässlich ist.

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    1. Vielen Dank Volkmar, für deine Anmerkung und den Hinweis!
      Was ich mit Originalschriften meine, sind die ersten Niederschriften von ~ 1.500-400 v.Chr. und ebenso die Niederschriften der Autoren des Neuen Testaments. Diese existieren meines Wissens nicht mehr. Die Abschriften, die uns heute vorliegen, ähneln einander außerordentlich, daraus lässt sich schließen, dass sie auch sehr nah am Original sind.
      Meine Intention für diesen Beitrag ist, auf die Wichtigkeit der Kultur und des Denkens hinzuweisen. In Predigten höre ich im Zusammenhang mit Urtext fast immer die Auslegung des griechischen Ausdrucks. Ich halte jedoch das hebräische Äquivalent und welche Bedeutung und Assoziationen es für einen Hebräer hat, für deutlich relevanter.

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  2. Danke für die Klarstellung. Da wir aber nicht wissen welchen Inhalt die Originale haben, ist es schwierig zu sagen dass die Abschriften sich den Originalen ähneln. Es kann genauso gut sein dass wir Abschriften haben die inhaltlich identisch sind mit den Originalen. Und davon gehe ich grundsätzlich aus. Damit meine ich, dass ich keine Fragezeichen setze über die Originaltexte, bzw den Urtext den wir vorliegen haben. Es geht in dem Fall um die Glaubwürdigkeit der Texte die übersetzt werden. Meine Intention ist es grundsätzlich, Menschen Mut zu machen die Bibel selber zu lesen auch wenn sie sich mit den Urtexten nicht auskennen, also weder Hebräisch noch griechisch können und im Bereich Hermeneutik und Exegese Laien sind.

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    1. Da bin ich ganz bei dir! Menschen sollen in jedem Fall gefördert werden, sich mit der Bibel auseinander zu setzen.
      Und es ist keinesfalls der Urtext, den ich in Frage stelle.

      Ich hinterfrage hier vielmehr die Fragestellung, welcher Ausdruck im Urtext steht. Denn nach meiner Auffassung ist die eigentliche Frage hinter der Frage nicht damit beantwortet, welcher Ausdruck im Urtext steht.
      Könnte man jetzt weiter ausführen, dafür müsste man aber einen extra weiten Rahmen setzen.
      Weitere Artikel sind bereits in Arbeit 🙂

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