Jüdisch-Hebräisches Weltverständnis vs. Griechisch-Hellenistisches

Ich war völlig überrascht, als ich zum ersten Mal einen Vortrag über die Jüdisch-Hebräische Denkweise hörte. Mich faszinierte sofort deren unkonventionelle Weltsicht und ihre andersartige Herangehensweise an Themen im Vergleich zu uns Griechich-Hellenistisch geprägten Europäern.

Das Wissen über diese unterschiedlichen Ausgangpunkte hilft mir nun dabei, Bibelstellen unter anderen Aspekten zu beleuchten, aber auch ganz allgemein Sichtweisen neu zu überdenken.

Im Folgenden erfährst du die wesentlichen Eckpfeiler beider Weltanschauungen hinsichtlich

  1. Allgemeine Sicht auf Dinge
  2. Denken und Handeln
  3. Wissen und Kenntnis
  4. Das Wort
  5. Das Wirkliche, Wahre, Beständige
  6. Ganzheitlich vs. Dualistisch
  7. Zeit, Raum und Ewigkeit
  8. Der Mensch

1. Allgemeine Sicht auf Dinge

Derselbe Gegenstand, zwei Beschreibungen:

„Es ist aus Holz, es hat eine horizontale und eine vertikale Fläche. Die horizontale Fläche ist unterseitig gestützt von 4 Stäben“ -> so beschreibt der griechisch-hellenistisch geprägte Europäer

„Ich sitze darauf“  -> so beschreibt der Hebräer

Das Griechische ist Substanzdenken, denn es fragt: Wie sieht es aus und welche Eigenschaften hat es? Was ist es in seinem Wesen, aus welchem Stoff ist es? Dabei ist der Gegenstand oder auch ein Ereignis losgelöst von Erfahrungen und Sinneswahrnehmungen des Betrachters. Sie stehen zu ihm in keiner Verbindung.

Das Hebräische ist Beziehungsdenken, denn es fragt: was ist der Zweck? Wozu dient es, was mache ich damit bzw. was macht es mit mir? In welcher Beziehung steht es zu mir? Es sieht Dinge und Ereignisse stets in Relation zu etwas oder jemand.

Welche Relevanz hat dies auf biblische Texte? Wenn beispielsweise Sonne, Mond und Sterne genannt werden, sind damit selten die Himmelskörper per se gemeint, sondern häufig Regierungen, die Obrigkeit. Denn Sonne, Mond und Sterne dienen dem Zweck der Orientierung, sie sind entscheidende Faktoren beim Wachsen und Gedeihen, sie steuern die Gezeiten, sie regeln Tag und Nacht, Monate und Jahre.

2. Denken und Handeln

2.Mose 24,7 Und er nahm das Buch des Bundes und las es vor den Ohren des Volks. Und sie sprachen: Alles, was der HERR gesagt hat, wollen wir tun und darauf hören.

Das Griechische hat die Reihenfolge „hören und dann tun“.

Im Hebräischen geht das Tun der Reflexion bzw. dem Denken voraus. Es sieht die Wirkung und schließt daraus auf die Ursache zurück. Das Gesetz tun und darauf hören meint, durch die Erfahrung im Tun den Zweck eines Gebotes begreifen (hören).

Der Sitz des Denkens ist im Ohr: weil das Ohr Empfangsorgan ist für Botschaften. Intelligenz ist die generelle Fähigkeit Mitteilungen zu empfangen, etwas zu hören, zuzuhören. Dies ist nicht wörtlich auf die rein akustische Wahrnehmung beschränkt.

3. Wissen und Erkenntnis

Apg. 17,21 Alle Athener nämlich und auch die dort lebenden Fremden vertrieben sich mit nichts anderem so gerne die Zeit als damit, etwas Neues zu sagen und zu hören.

Im Griechischen wird Wissen gleichgesetzt mit von außen betrachteten Informationen. Jemand zu kennen heißt, möglichst viele Informationen über ihn erfahren.

Intelligenz heißt, etwas von außen zu beleuchten und zu analysieren. Verstehen bedeutet intellektuelles Begreifen.

Das Griechische denkt von der Ursache zur Wirkung. Erst theoretisch verstehen, möglichst viel über einen Sachverhalt herausfinden und dann handeln. Das spiegelt sich auch wieder in der Unterrichtsform, der Lehrer steht frontal zur Klasse und doziert, die Schüler sammeln Informationen.

Das Hebräische dagegen ist praxisorientiert. Es vermittelt Wissen bevorzugt durch Erlebnisse. Das spiegelt sich besonders wieder in den lebhaften Ritualen der jüdischen Feste.

Jemand kennen heißt, gemeinsam Erfahrungen machen. Wissen ist nicht die theoretische Kenntnis von Fakten, Wissen äußert sich im Handeln. Etwas Verstehen bzw. verstanden haben bedeutet, kluge Entscheidungen zu treffen.

Wissen, (Er)Kennen bedeutet im Hebräischen vertraut zu werden mit jemand oder etwas, durchleben, spüren, fühlen. Es bedeutet auch Hingabe und Treue.

Paulus schreibt in 1.Kor. 2,1-5 Als ich zu euch kam, liebe Geschwister, um euch Gottes verborgenen Rettungsplan weiterzugeben, tat ich das nicht mit überragender Redekunst oder tiefer Gelehrsamkeit. Denn ich hatte mich entschlossen, unter euch nichts anderes zu kennen außer Jesus Christus und ihn als den Gekreuzigten.  Euer Glaube sollte sich nicht auf menschliche Weisheit gründen, sondern auf die Kraft Gottes.

Paulus erklärt hier seine Evangelisationsstrategie, nämlich nichts weiter als seine persönliche Gottesbeziehung und seine Kenntnis Jesu Christi, gemäß hebräischer Definition, siehe oben.

Rhetorik und scharfsinnige Argumente begegnen einem Menschen lediglich auf Vernunftebene. Einen argumentativen Schlagabtausch kann man sich in Diskussionen geben, so man dies gerne möchte. Doch in seinem Kern getroffen wird ein Mensch nicht mit stichhaltiger Logik, sondern durch eine wirksame Kraft.

Auch wenn wir gern etwas anderes glauben, die meisten unserer Entscheidungen treffen wir nicht rational. Sonst wäre Reklame ja voll mit wissenschaftlichen Fakten und ausführlichen Produktbeschreibungen. Werbung erzeugt vielmehr ein Gefühl, das dazu verleitet, ein Erlebnis zu erwerben.

4. Das Wort 

Von Jesus Christus heißt es nicht, dass er geschliffen parlierte, er sprach in Vollmacht. Er selbst sagte in Joh. 6,63b Die Worte, die ich zu euch rede, sind Geist und sind Leben.

Hebr. 4,12a Denn das Wort Gottes ist lebendig und wirksam und schärfer als jedes zweischneidige Schwert.

Der hebräische Begriff „Dabar“ heißt Wort, Tat und Ereignis. Handeln und Sprechen sind dasselbe. Im Wort „Dabar“ liegt sowohl die Information und zugleich die Verwirklichung.

Gottes gesprochenes Wort ist nicht lediglich Ausdruck seiner Gedanken, es ist eine gewaltige, dynamische Macht. Gott spricht und es geschieht. Bildlich ausgedrückt, wie Schallwellen, die gegen alles in ihrem Radius prallen und zum Schwingen bringen. Das Wort Gottes aktiviert und bewirkt Ereignisse.

Im Vergleich, das griechische Wort „Logos“ heißt zugleich „Wort“ und „Vernunft“. Das davon abgeleitete Verb bedeutet rechnen, ordnen, sammeln, denken, ist also reine Theorie und hat nicht mit aktivem Sprechen zu tun. „Logos“ steht für das Gemäßigte.

Im Wort liegt nach Griechischem Verständnis keine Kraft, es dient lediglich der Information. Sprechen und Handeln sind voneinander getrennte Handlungen.

5. Das Wirkliche, Wahre, Beständige

Im Griechischen ist das Wirkliche, Wahre, das Beständige in Stillstand. Statische Ruhe und Harmonie ist das höchste Sein. Weil das Irdische einem dauernden Kreislauf unterworfen ist, muss das Göttliche statisch sein. Wenn etwas in Bewegung ist, dann ist es nicht Gott und ist nicht vollkommen.

Im Hebräischen hingegen ist das Wirkliche, Wahre, Beständige eine Bewegung. Lebendig, dynamisch, energisch.

Beispiel: Der Eigenname Gottes „Jahwe“ wird meist übersetzt als „ich bin, der ich bin“. Das Wort „Jahwe“ ist ein Verb und bedeutet außer „sein“ auch „werden“, „geschehen“, „sich ereignen“, „da-sein“ und lässt sich auch deuten als „ich bin am wirken“.

6. Dualistische vs. Ganzheitliche Weltsicht

Der griechische Dualismus teilt in entweder schwarz oder weiß. Entweder etwas ist richtig oder es ist falsch, positiv oder negativ. Dieses Polarisieren hebt Kontraste hervor, macht es im Alltag aber nicht leicht, zu differenzieren oder auch den Wert von Kompromissen zu schätzen.

Das ganzheitliche Hebräische Weltverständnis hält die Spannung zwischen „sowohl – als auch“. Der Hebräer ist bestrebt einen Sachverhalt unter verschiedenen Aspekten zu beleuchten, somit können mehrere Ansichten gleichberechtigt nebeneinander existieren.

So mag unsere Welt zwar vom Ideal gefallen sein, dennoch ist und bleibt sie Gottes hervorragendes Werk.

7. Raum, Zeit und Ewigkeit

Im ganzheitlichen Verständnis des Hebräers existieren Himmel und Erde im selben Raum. Leiblich, physisch wahrnehmbar ist das Materielle, ebenso real ist auch das Immaterielle und greifbar ist es mit dem immateriellen Persönlichkeitsanteil.

Gemäß dem Griechen Plato sind Himmel und Erde voneinander getrennte Räume. Sie sind unterschiedlich verortet und es ist dem Menschen nur möglich, in der irdischen Dimension zu agieren. Die geistige, ewige Welt ist der irdisch-materiellen übergeordnet. Sie steht unbeweglich und dort existiert keine Zeit.

Im Griechischen wird Zeit stets mit Endlichkeit und Begrenzung assoziiert. Wie das Ende des Tages oder der Tod. Zeit hat deshalb im Griechischen Denken etwas Bedrohliches und eher negativ besetzt.

Gemäß dem Hebräischen ist Zeit gleich Leben. Daher wird Zeit immer positiv gewertet. Die Zeit wurde mit der Schöpfung erschaffen.

Im Hebräischen steht Zeit immer in Relation mit Ereignissen. Das Licht wurde an einem Tag geschaffen, ebenso die Tiere, der Mensch. Weil Zeit in Bezug zu Ereignissen steht, wird sie nicht linear dargestellt. Der biblische Ausdruck „als die Zeit erfüllt war“ meint keine Frist von festgesetzten Tagen oder Jahren, es heißt vielmehr, dass die Voraussetzungen erfüllt wurden, damit ein bestimmtes Ereignis eintreten konnte.

Während der griechisch geprägte Europäer in den drei Zeitstufen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft denkt, kennt der Hebräer nur die vollendete und die unvollendete Handlung. Vergangenheit und Zukunft werden als Raum dargestellt, in vor und nach. Sie stehen in Beziehung zu dem Menschen, der gerade im Fokus ist. Zeit ist dann abgeschlossen oder nicht, wenn ein Prozess abgeschlossen wurde oder eben noch nicht.

Zeit ist immer neu, es gibt keine Endlosschleife, so wie im Griechischen. Gott hat die Zeit vielmehr strukturiert, durch Rhythmen: Tage, Wochen, Feiertage, Lebensphasen, vgl. Prediger „alles hat seine Zeit“.

Zeit existiert auch in der Ewigkeit. Ewigkeit ist daher nicht das Ende der Zeit, sondern eine Zeit, die kein Ende hat. Die Ewigkeit wird beispielsweise beschrieben mit „Generationen über Generationen“ oder dass „die Sonne nie untergehen wird“. Zeit hört in Ewigkeit nicht auf, weil der Inhalt der Zeit Leben ist.

Für das griechische Ewigkeitskonzept hat das Hebräische keinen adäquaten Begriff. Der hebräische Ausdruck „olam“ meint die unbegrenzte Zeit, die war oder die kommt. Sie kann aber auch kürzer sein als unbegrenzt.

„Olam“ ist zugleich auch der Ausdruck für den unendlichen Raum der Welt.

Wenn ein Europäer sagt: „Mein Leben liegt vor mir“ – ist er jung. Denn er geht mit dem Gesicht zur Zukunft.

Wenn ein Hebräer sagt: „Mein Leben liegt vor mir“ – ist er alt. Denn er geht mit dem Rücken in die Zukunft. Er sieht sie nicht.

8. Der Mensch

Im dualistischen Griechischen Denken sind die Seele und der Leib verschiedene Teile des Menschen. Die menschliche Seele entspringt der geistlichen Welt, sie ist die Persönlichkeit und das Wesen des Menschen. Sie fiel jedoch in die irdisch-materielle Welt und fristet hier ihr Dasein, eingeschlossen im lasterhaften, dem Verderben geweihten Körper. Der Körper ist ein vorübergehendes Gefäß und vor allem eine Belastung. Daher wird die Seele mitunter als Gefangene des Leibes betrachtet, von dem schließlich der Tod sie erlöst.

Das ganzheitliche Hebräische Denken sieht Geist, Seele und Leib als komplette Einheit, wenn auch jeweils unter dem einen, bestimmten Aspekt. Alle drei sind gleichwertig und machen einen Menschen zu dem, was er ist.

Im Hebräischen stellt sich die Frage nicht, ob der Körper oder die Seele gut oder schlecht sind, welcher Teil den Menschen dominiert und welcher Teil sich dem anderen unterwirft, sondern ob der Mensch in seinem Wesen sich Gott unterordnet und ihm dient.

2 Antworten auf “Jüdisch-Hebräisches Weltverständnis vs. Griechisch-Hellenistisches”

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