Warum du die Bibel nicht linear lesen solltest

Die Bibel komplett durchlesen – los geht’s!

Ab Seite 1, ein Buch nach dem nächsten?

Du wirst bald merken, diese Reihenfolge ist nicht zielführend, wenn du dir ein besseres Verständnis der Zusammenhänge erhoffst.

Denn die Anordnung der alttestamentlichen Bücher nach Genres setzt voraus, dass der Leser die historischen und geistlichen Zusammenhänge bereits kennt!

Der Geschichtspart von der Schöpfung, Exodus und Kanaan bis zu König Salomo ist chronologisch noch sehr gut nachvollziehbar. Dann aber wird das Land geteilt, in das Nordreich Israel und in das Südreich Juda. Es folgen Berichte über die 19 Könige des Nordreichs und über die 20 Könige des Südreichs. Ab da verlieren die meisten Leser den Faden.

Nord- und Südreich müssen ins Exil. Nicht zeitgleich, sondern mit einem Abstand von 150 Jahren. Die einen nach Assyrien, die anderen nach Babylonien. Auch Jerusalem fiel und der Tempel wurde zerstört. Wie es dazu kam, beschreiben die Bücher Könige und Chronik, die sich ziemlich gleichen.

Es folgen die Bücher Esra und Nehemia, die bereits über den Wiederufbau Jerusalems schildern, doch dies ist ein Zeitsprung von rund 250 Jahren. Was sich davor alles ereignet hatte, enthalten erst die Bücher danach.

Chronologisch würden Esra und Nehemia ans Ende vom 1. Teil der Bibel gehören.

Die Ereignisse aus dem Buch Ester fallen in die Zeitspanne zwischen der ersten Rückkehr aus der babylonischen Gefangenschaft und der zweiten Rückkehr, die von Esra angeführt wurde. Somit gehört Ester chronologisch vor Esra und Nehemia, nicht dahinter.

Du siehst, es verliert sich leicht das Gefühl für die Epoche und Ereignisse, um die es darin geht.

Die poetischen Bücher Hiob, Hohelied, Psalmen, Prediger und Sprüche erschließen sich auch ohne Geschichtskenntnisse, doch schwieriger wird es wieder mit den Propheten.

An welchem Punkt der Geschichte prophezeiten sie? Über wen genau und in welche Epoche? Wer waren ihre Adressaten?

Es könnte an der Anordnung der Bücher liegen, dass manche Prophetien in andere Zeitalter interpretiert werden, als ursprünglich ausgesagt.

Jesaja weissagte über Israel, während Jeremia und Hesekiel rund 100 Jahre später lebten und über Juda prophezeiten. Zeitlich lagen die Ereignisse gegen Ende der Bücher Könige und Chronik..

Das Buch Daniel ist mitten unter den Prophetenbüchern, doch er weissagte zu einem späteren Zeitpunkt als die meisten anderen und über andere Epochen. Er war bereits einer der Deportierten und weissagte erst gegen Ende des babylonischen Exils. Manche seiner Prophetien beziehen sich auf die Zeit nach dem Exil, also in die Zeit von Esra und Nehemia, einige Visionen beziehen sich auf ein noch späteres Zeitalter, das von Jesus.   

Dem Buch Daniel folgen die Schriften der „Kleinen“ Propheten, die fast alle Zeitgenossen von Jesaja oder Jeremia waren. „Klein“ genannt wegen ihres kürzeren Umfangs als die „Großen“ Propheten. Auch die „Kleinen“ Propheten weissagten über den Fall Israels und Judas, über das Exil. Damit liegen sie chronologisch vor Daniel.

Lediglich die drei letzten Bücher, Haggai, Sacharia und Maleachi, die während der Zeit des Wiederaufbaus Jerusalems entstanden sind, kündigen die Herrlichkeit einer Ära an, die eine ganze Weile nach dem Wiederaufbau Israels und dem 2. Tempel anbrechen sollte.

Hier siehst du die Zeitleiste der Propheten. Die Daten von Joel und Obadja sind nicht angegeben, da ungewiss.

Wenn du in der hebräischen Geschichte nicht sattelfest bist, scheinen die Ereignisse irgendwann immer verworrener.

Wen die biblische Geschichte in chronologischer Reihenfolge interessiert, findet entspechende Lesepläne im Buchladen oder im Netz.

Hier ein Ansatz, die alttestamentlichen Bücher nach vier Schwerpunkten zu ordnen:

Schöpfung – Teilung Israels in 2 Reiche Prophetien über und Berichte während des Exils Prophetien und Berichte über die Rückkehr Prophetien über ein späteres Zeitalter
Mosebücher, Josua, Richter, Ruth, Samuel, Könige, Chronik, Hiob, Psalmen, Hohelied, Sprüche, Prediger Jesaja, Jeremia, Klagelieder, Hesekiel, teilw.Daniel, Hosea, Joel, Amos, Obadja, Jona, Micha, Nahum, Zephania, Esther Teilw. Daniel, Esra, Nehemia Teilw. Daniel, Sacharia, Haggai, Maleachi

Wenn man die chronologische Abfolge, das Zeitalter und den jeweils geltenden Bund nicht berücksichtigt, entstehen fast zwangsläufig Fragen und Missverständnisse über Gottes Persönlichkeit und seinen Heilsplan für die Welt.

Ebenso im 2.Teil der Bibel. Mit Jesu Geburt und Wirken begann nicht augenblicklich eine neue Ära, auch nicht der Neue Bund. Jesus lebte unter dem Alten Bund, er folgte dessen Gesetzen und manche Aussagen, vor allem in Debatten mit den jüdischen Gelehrten, waren dem Alten Bund konform. Daher ist auch nicht jedes Wort Jesu an uns adressiert, die wir im Neuen Bund leben.

Beispiel: „wer seinen Nächsten mit „Idiot“ beleidigt, ist des Obersten Gerichts schuldig“, entspricht der Auslegung des Bundes vom Sinai. Dieser Bund war an Taten geknüpft und sah selbst im Fall der Reue keine mildernde Umstände vor. Was Gott zwar nicht immer davon abhielt gnädig zu sein, aber gemäß des damals gültigen Alten Bundes waren weder er noch die Israeliten zu Gnade vor Recht verpflichtet.

Lehren hingegen wie in der Bergpredigt oder Gleichnisse die Jesus einleitet mit „das Reich Gottes ist wie …“  veranschaulichen das Friedensreich, das im Begriff war mit Jesus anzubrechen.

Mit Jesu Tod wurde der mosaische Bund vom Sinai abgegolten und der Neue Bund erstellt.

Die Autoren des Neuen Testaments befanden sich in einer Periode des Übergangs, in der die Tempelriten weiter durchgeführt wurden und noch nicht jeder im Land von der Ablösung durch den Neuen Bund wusste. Dies ist Wesentlich für das Verständnis des Neuen Testaments.

Der Auftrag war die Botschaft vom Messias und Reich Gottes zunächst den Bundespartnern vom Sinai, also den Juden zu verkünden. Sie jedoch lehnten größtenteils die Botschaft ab, was in der Steinigung Stephanus gipfelte. Es begann die Christenverfolgung und deren Zerstreuung in die komplette damalige Welt. Gleichzeitig verbreiteten sich dadurch die Kunde von Jesus und Gottes Königsherrschaft im gesamten Römischen Reich, also der gesamten damaligen Welt.

Im Jahr 70 n. Chr. wurde der jüdische Tempel zerstört. Seither ist jede Möglichkeit ausgelöscht Priester einzusetzen und die Riten aus dem mosaischen Gesetz wieder auszuüben. Die Zeitspanne zwischen der Einsetzung des Neuen Bundes und dem Ende der jüdischen Tempelriten betrug 40 Jahre.

Während dieser 40 Jahre wurden die Schriften des Neuen Testaments verfasst. Es war die Zeit, als der mosaische Bund und der Neue Bund koexistierten. Daher rühren viele der Themen und Streitigkeiten der ersten Christen: sie lebten in der Spannung zweier Bünde die einander konträr waren, und sie kamen aus grundverschiedenen Prägungen, nämlich jüdisch und heidnisch.

Manche Gelehrte datieren Briefe des Neuen Testaments zum Teil in die 90er Jahre des 1. Jhdt. Doch nirgendwo erwähnten die Autoren den Supergau des jüdischen Krieges, der Tempelzerstörung und den Holocaust, welcher ja gravierende Auswirkungen auf sämtliche Gläubigen hatte, Juden wie Christen. Deshalb ist eine frühere Datierung der Briefe viel wahrscheinlicher.

Die Evangelien sind geprägt von der Herkunft ihrer jüdisch-hebräischen Autoren und orientieren sich in ihrer Struktur an ihrer Zielgruppe.

Matthäus Bericht ist adressiert an Juden, sein Evangelium enthält viele Referenzen zum Alten Testament. Von den 4 Evangelisten hält er sich am meisten die lineare Folge der Ereignisse.

Markus und Lukas verfassten ihre Evangelien für Christen heidnischer Herkunft.

Markus Schwerpunkt ist das Wirken Jesu, weniger seine Lehren. Vom Stil entspricht es einer Biographie Jesu, mit dem Ziel, die verfolgten Gläubigen seiner Zeit zu stärken.

Lukas als Heidenchrist verwendet kaum Referenzen zum Alten Testament. Als Arzt beschreibt er detailliert Heilungen und die Barmherzigkeit Jesu, welche völlig im Gegensatz zur griechisch-hellenistischen Kultur stand.

Johannes betont in seinem Evangelium die Göttlichkeit Jesu. Zu seiner Zeit kursierten viele Irrlehren, welche die Menschwerdung Gottes negierten. Sein Evangelium enthält nicht die Vielzahl von Jesu Wundertaten, dafür aber theologische Hintergründe.

Auch die Anordnung der neutestamentlichen Briefe ist nicht chronologisch, sie ist topdown ihrer Länge nach. 

Das letzte Buch, die Offenbarung Jesu Christi, formuliert von Johannes, ist der Abschluss des Neuen Testaments. Es veranschaulicht das Ende des damaligen Zeitalters und beschreibt die neue Ära der Herrschaft Christi.

Praxis Tipp:

  • lerne zunächst die 5 Bünde kennen, das geht recht fix
  • kläre beim Lesen einer Bibelstelle, in welcher Beziehung Gott und Mensch darin standen, welches Bundesverhältnis galt
  • kennst du die 5 wesentlichen Epochen, kannst du an jedem Punkt der Bibel mit Lesen einsteigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s