Die Anordnung der biblischen Bücher

Lies die Bibel! heißt es. Doch wer die Bibel wie jedes andere Buch von Seite 1 zu Seite 2 und 3 und so fort liest, wird bald an die Grenzen der Klarheit stoßen.

Die Bibel ist bekanntermaßen ein Sammelwerk von 66 Büchern die nicht chronologisch angeordnet sind, sondern nach Genres. Es sind Werke über die Historie von der Erschaffung der Welt bis zum Ende des Zeitalters, sowie Weisheitsbücher, Poesie und Propheten.

Diese Anordnung setzt voraus, dass der Leser die Chronologie bereits kennt, und dass ihm die Zusammenhänge und Schwerpunkte der Schriften durchaus klar sind.

Dies war bei den Juden in aller Regel auch der Fall.

Mehrere Tausend Jahre später, mit der Bibel in der Hand eines Menschen ohne jüdisch-hebräische Wurzeln und ohne entsprechende Geschichtskenntnisse sieht die Lage deutlich anders aus.

Die Propheten zum Beispiel weissagen, doch an welchem Punkt der Geschichte stehen sie in jenem Moment, über wem, in welche Zeit und was genau prophezeien sie? Wer waren damals ihre Adressaten?

Der Geschichtspart von der Schöpfung bis Salomo lässt sich chronologisch noch sehr gut nachvollziehen. Dann aber wird das Land geteilt in das Nordreich Israel und in das Südreich Judah. Es folgen Berichte über die 19 Könige des Nordreichs und über die 20 Könige des Südreichs. Und ab da verlieren die meisten Leser den Faden.

Beide Reiche müssen ins Exil: die Israeliten nach Assyrien, und etwa 150 Jahre später die Judäer (Davids Linie) nach Babylonien, und schließlich fiel auch Jerusalem und der Tempel wurde zerstört. Warum es dazu kam, steht in den Büchern Könige 1 und 2 sowie 1. und 2. Chronik.

Es folgen die Bücher Esra und Nehemia, die bereits über den Wiederufbau Jerusalems berichten, jedoch ohne Hinweis für den unkundigen Leser, dass dies geschichtlich ein großer Sprung nach vorne ist. Zuvor hatte sich nämlich noch einiges ereignet, wovon in den Büchern danach berichtet wird.  

Dem Buch Nehemia folgt das Buch Ester. Deren Ereignisse fallen in die Zeitspanne zwischen der ersten Rückkehr aus der babylonischen Gefangenschaft, und der 2. Rückkehr, die von Esra angeführt wurde. Somit gehört es chronologisch vor die Bücher Esra und Nehemia, und nicht dahinter.

Mit dem Buch Esther endet das Genre der Geschichtsbücher. Was folgt, sind die Lehrbücher bzw. Poesie. Das erste Buch dieser Kategorie ist Hiob, welches historisch nicht klar einzuordnen ist, manche vermuten den Zeitpunkt in der Nähe von Noah, manche noch sehr viel früher.

Die Bücher Sprüche, Hohelied, Prediger, geschrieben zur Zeit Salomo, gehören zeitlich in die Epoche der Bücher Könige und Chronik, chronologisch also weiter zurück.

Das Buch der Psalmen, angeordnet zwischen Hiob und den Sprüchen, enthält Werke von Mose bis in die Zeit der ersten Könige, was einen Zeitraum von 1500 Jahren umfasst.

Den poetischen Büchern folgen fünf Bücher der „Vier Großen Propheten“ Jesaja, Jeremia, Hesekiel und Daniel, „Groß wegen des Umfangs. Die ersten vier Bücher davon prophezeien die Gefangenschaft in Assyrien und Babylon, liegen damit vor den Ereignissen der Bücher Esra und Nehemia.

Daniel weissagt zu einem deutlich späteren Zeitpunkt als die anderen drei Großen Propheten, und er prophezeit auch über andere Epochen. Er war als Jugendlicher in die Gefangenschaft nach Babylonien gekommen und weissagte erst gegen Ende des babylonischen Exils. Manche seiner Prophezeiungen beziehen sich auf die Zeit nach dem Exil, also in die Zeit von Esra und Nehemia, einige Visionen beziehen sich auf ein späteres Zeitalter.   

Dem Buch Daniel folgen die Bücher der „Kleinen Propheten“, welche fast alle Zeitgenossen von den Jesaja, Hesekiel und Jeremia waren. Sie prophezeiten ebenfalls über die Zerstörung Israels und Judahs und das Exil in Babylon und Assyrien.

Lediglich die drei letzten Prophetenbücher Haggai, Sacharia und Maleachi, die während der Zeit des Wiederaufbaus Jerusalems entstanden sind, weissagen wie Daniel über die Herrlichkeit einer Ära, die in fernerer Zeit, nach dem Wiederaufbau Israels anbrechen sollte.

Im Lesen der poetischen und prophetischen Bücher verliert sich also leicht das Gefühl für die Epoche, um die es darin geht.

Im Folgenden die Zeit der Propheten. Die Daten von Joel und Obadja sind nicht angegeben, da ungewiss.

Wen die biblische Geschichte in chronologischer Reihenfolge interessiert, findet entspechende Lesepläne im Buchladen oder im Netz.

Hier ein Ansatz, die alttestamentlichen Bücher nach vier historischen Schwerpunkte zu ordnen:

Schöpfung – Teilung Israels in 2 Reiche Prophetien über und Berichte während des Exils Prophetien und Berichte über die Rückkehr Prophetien über ein späteres Zeitalter
Mosebücher, Josua, Richter, Ruth, Samuel, Könige, Chronik, Hiob, Psalmen, Hohelied, Sprüche, Prediger Jesaja, Jeremia, Klagelieder, Hesekiel, teilw.Daniel, Hosea, Joel, Amos, Obadja, Jona, Micha, Nahum, Zephania, Esther Teilw. Daniel, Esra, Nehemia Teilw. Daniel, Sacharia, Haggai, Maleachi

Wenn man die chronologische Zeitleiste der biblischen Zeugnisse, das Zeitalter und den jeweils geltenden Bund nicht berücksichtigt, dann entstehen fast zwangsläufig Zweifel und Missverständnisse über Gottes Persönlichkeit und seinen Heilsplan für die Welt.

Dasselbe gilt für das Neue Testament. Mit Jesu Geburt und Wirken begann nicht augenblicklich eine neue Ära, auch nicht der Neue Bund. Was bedeutet, dass Jesus selbst unter dem Alten Bund lebte, den Gesetzen des Alten Bundes folgte und manche seiner Aussagen, vor allem in Debatten mit den jüdischen Gelehrten waren dem Alten Bund konform. Daher ist auch nicht jedes Wort Jesu an uns adressiert, die wir im Neuen Bund leben.

Beispiel: „wer seinen Nächsten mit „Idiot“ beleidigt, ist des Obersten Gerichts schuldig, entspricht der Auslegung des Bundes vom Sinai. Dieser Bund war an Taten geknüpft und sah selbst im Fall der Reue keine mildernde Umstände vor. Was Gott zwar nicht immer davon abhielt gnädig zu sein, aber gemäß des damals gültigen Alten Bundes waren weder er noch die Israeliten zu Gnade vor Recht verpflichtet.

Lehren hingegen wie in der Bergpredigt oder Gleichnisse die Jesus einleitet mit „das Reich Gottes ist wie …“  veranschaulichen das Friedensreich, das im Begriff war anzubrechen. Es ist ein Reich, in dem Unrecht nicht verharmlost, sondern aufgedeckt wird. Wo auf Buße hin Barmherzigkeit folgt statt Höllenfeuer, und bei Umkehr der Sinneshaltung Gnade zuteil wird. Das Reich Gottes basiert auf dem Sein, nicht auf dem Tun, wie der Bund vom Sinai.

Mit Jesu Tod wurde der Bund vom Sinai abgegolten und der Neue Bund erstellt.

Die Autoren des Neuen Testaments befanden sich zur Abfassungszeit der Evangelien und Briefe in einer Periode des Übergangs, nämlich in der die Tempelriten weiter durchgeführt wurden und noch nicht jeder im Land von der Ablösung durch den Neuen Bund wusste. Dies gilt es beim Lesen zu berücksichtigen.

Der Auftrag war die Botschaft vom Messias und Reich Gottes zunächst den Bundespartnern vom Sinai, also den Juden zu verkünden. Sie jedoch lehnten größtenteils die Botschaft ab, was in der Steinigung Stephanus gipfelte. Es begann die Christenverfolgung und deren Zerstreuung in die komplette damalige Welt. Gleichzeitig verbreiteten sich dadurch die Kunde von Jesus und Gottes Königsherrschaft im gesamten Römischen Reich, also der gesamten damaligen Welt.

Im Jahr 70 n. Chr. wurde der jüdische Tempel zerstört, und seither ist jede Möglichkeit ausgelöscht Priester einzusetzen und die Riten aus dem mosaischen Gesetz wieder auszuüben. Die Zeitspanne zwischen der Einsetzung des Neuen Bundes und der Auslöschung der jüdischen Tempelriten betrug 40 Jahre.

Während dieser 40 Jahre sind die Schriften des Neuen Testaments entstanden. Es war die Zeit, als der mosaische Bund und der Neue Bund koexistierten. Daher rühren viele der Themen und Streitigkeiten der ersten Christen, denn sie lebten in der Spannung zweier Bünde die einander konträr waren, und sie kamen aus grundverschiedenen Prägungen, nämlich jüdisch und heidnisch.

Manche Gelehrte datieren Briefe des Neuen Testaments zum Teil in die 90er Jahre des 1. Jhd. Was jedoch unwahrscheinlich ist, denn nirgendwo in den neutestamentlichen Briefen erwähnen die Autoren den Supergau der Tempelzerstörung und den Untergang Jerusalems, welcher ja gravierende Auswirkungen auf sämtliche Gläubigen hatte, Juden wie Christen.

Die Evangelien sind geprägt von der Herkunft ihrer jüdisch-hebräischen Autoren und orientieren sich in ihrer Gliederung und Struktur an ihrer Zielgruppe.

Matthäus Bericht ist adressiert an Juden, sein Evangelium enthält viele Referenzen zum Alten Testament. Von den 4 Evangelisten hält er sich am meisten die lineare Folge der Ereignisse.

Markus und Lukas verfassten ihre Evangelien für Christen heidnischer Herkunft.

Markus Schwerpunkt ist das Wirken Jesu, weniger seine Lehren. Vom Stil entspricht es einer Biographie Jesu, mit dem Ziel, die verfolgten Gläubigen seiner Zeit zu stärken.

Lukas als Heidenchrist verwendet kaum Referenzen zum Alten Testament. Als Arzt beschreibt er detailliert Heilungen und die Barmherzigkeit Jesu, welche völlig im Gegensatz zur griechisch-hellenistischen Kultur stand.

Johannes betont in seinem Evangelium die Göttlichkeit Jesu. Zu seiner Zeit kursierten viele Irrlehren, welche die Menschwerdung Gottes negierten. Sein Evangelium enthält nicht die Vielzahl von Jesu Wundertaten, dafür aber theologische Hintergründe.

Die Anordnung der neutestamentlichen Briefe ist weder thematisch noch chronologisch, sondern topdown der Länge nach. 

Das letzte Buch, die Offenbarung Jesu Christi, formuliert von Johannes, ist der Abschluss des Neuen Testaments und veranschaulicht prophetisch das Ende des damaligen Zeitalters und beschreibt die neue Ära.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s